Einen kleinen Blick in die Geschichte der Inkontinenz



Das Wort "Inkontinenz" leitet sich ans der lateinischen Sprache ab, in der "Continentia" Znrückhalten oder Unterdrücken bedentet. "Incontinentia" würde dann mit Unvermögen zu übersetzen sein. Nachfolgend wird besonders auf den unfreiwilligen Harnabgang eingegangen, die "Incontinentia urinae", die zwar kein vital bedrohliches Krankheitsbild ist, aber aufgrund ihrer sozialen oder hygienischen Probleme zunehmend gesellschaftliches Interesse findet.

Die anormale Harnentleerung ist schon von jeher Gegenstand ärztlicher Bemühungen gewesen. Schon um das Jahr 3000 v. Chr. wurden in Ägypten Sonden bzw. Katheter aus Zinn und Bronze hergestellt und ebenso wie auch in Indien Instrumente aus Schilfrohr, Strohhalmen oder eingerollten Palmblättern zum Katheterisieren verwendet. Incontinentia urinae bedeutete auch in der Vergangenheit ohne Zweifel für viele Betroffene ein ernstes Problem, das dem in unserer heutigen Zeit, insbesondere mit seinen medizinischen Auswirkungen, vermutlich ähnlich ist. In der Literatur existieren jedoch nur wenige Hinweise. Zu den frühesten Berichten zählen der London Medical Papyrus aus dem Britischen Museum in London und der in Luxor gefundene Papyrus Ebers, der sich jetzt in Leipzig befindet. Beide Manuskripte, die vermutlich etwa 500 bzw. 1100 v. Chr. entstanden sind, enthalten erstmals Hinweise über Harninkontinenz und ihre Behandlungsmöglichkeiten. So werden hier inkontinenzverhütende Arzneien beschrieben und Hinweise auf Vorrichtungen zur Urinsammlung beim inkontinenten Mann und für inkontinenzverhütende Hilfsmittel bei der Frau aufgeführt. Beim weiblichen Geschlecht handelt es sich wahrscheinlich um eine Art goldenen Phallus, der intravaginal, also in der Scheide verblieb und zweifellos bei Streßinkontinenz nach einer Entbindung eingesetzt wurde.

Auch die chinesische Medizin schildert Störungen der Harnorgane, aber außer Akupunkturvorschriften werden nur empirische Rezepte verordnet. Erst um Christi Geburt wird der Einsatz des Katheters bei einer vermutlichen Überlaufinkontinenz und bei Harnverhaltung beschrieben. Der Katheter wurde damals wahrscheinlich ans dem Stengel eines Lanchgewächses - vielleicht einer Alliumart - hergestellt. In Persien scheint man dagegen bereits fortschrittlicher gewesen zn sein. Obwohl Zarathrusta im Zend Avesta die Götter um Heilung der gestörten Harnentleerung ersucht, scheinen die Perser seit uralter Zeit Katheter eingelegt zu haben. In den türkischen und armenischen Texten finden wir ehenfalls Blasenfunktionsstörungen erwähnt, jedoch ohne Angaben über eventuelle Versorgungs- bzw. Behandlungsmethoden. Mehrere 1000 Jahre tritt das Wissen über Diagnostik und Behandlung der Inkontinenz auf der Stelle. Hier und da können gewitzte Scharlatane einige Erfolge für sich buchen, aber häufiger noch kommt es zur Katastrophe. Die studierten Ärzte hielten es für unter ihrer Würde, die "niederen Organe" zu behandeln.

Persönlichkeit und Genie des Hippokrates (460-377 v. Chr.) erhellen ein wenig die Kenntnisse cer alten griechischen Medizin auf dem Gebiet der Urologie. Er klassifiziert die Leiden der Harnorgane und unterscheidet drei Arten von Störungen: schmerzhafte Dysurie, Strangurie tropfenweises Harnlassen und Ischurie (Harnverhaltung). Bei dieser Aufteilung weiß er allerdings nicht die Anzeichen und Ursachen voneinander zu trennen. Er geht auch kurz auf die Harninkontinenz und ihre Therapie ein. Dabei empfiehlt er, bei einem Blasenhalsdefekt der Frau zur Unterstützung den Finger in die Vagina einzuführen.

Symbolisch geht ein Bibeltext des Buches Kohelet oder Prediger Salomo (etwa 3. Jahrhundert v. Chr.) in der Ptolemäer-Zeit im Kapitel 12, 6 auf das Problem ein. Dort heißt es: ".... ja, eh der silberne Strick zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. "In diesem Text bedeutet der "silberne Strick" den Harnstrahl, die "goldene Schale" die Harnblase, der "Krug" den Leib und das "Rad" das Leben. Ob es zu dieser Zeit irgendwelche Hilfsmittel gab, was eigentlich anzunehmen ist konnte bisher nicht geklärt werden.

Hippokrates gab, wie bereits oben erwähnt, einige Hinweise zur Inkontinenz, die später noch einmal von Galen ergänzt wurden. Die gesamte Medizin des Spätmittelalters wird von diesen beiden Autoren beherrscht. Dies bedeutet für den Bereich "Inkontinenz", daß keine nennenswerten Fortschritte in der Diagnostik und Behandlnng erzielt wurden. Erst mit dem 16. Jahrhundert bekommt die Heilkunde Auftrieb und damit auch die urologische Wissenschaft. Trotz der neuen anatomischen und physiologischen Kenntnisse machen die Kenntnisse von der Pathologie der Harnorgane und auch die urologische Technik nur langsame Fortschritte. Den wichtigsten Forschungsgegenstand bildet weiterhin das "anormale Harnlassen". Die Ausdrücke Dysurie, Strangurie und Ischurie, mit denen seit den Zeiten des Hippokrates mehr schlecht als recht umgegangen wird, dienen sowohl zur Bezeichnung von Symptomen als auch der unterschiedlichsten Erkrankungen, so daß allgemeine Verwirrung herrscht. Außerdem erklären sich viele Irrtümer dieser Zeit dadurch, daß die eigendichen Leiden des Urogenitalapparates durch die weitverbreiteten und schlecht verlaufenden Geschlechtskrankheiten verdeckt und verschlimmert werden.

Eines der ersten Bücher über Kinderkrankheiten verfaßte 1544 der Engländer Thomas Phaer. Dieses Werk endhält ein Kapitel mit der Überschrift "Of Pyssing in the Bed", womit er das für Kinder und Eltern gleichermaßen unnangenehme Bettnässen, die Enuresis nocturna beschrieb. Das Inkontinenzproblem Erwachsener blieb dagegen unbeachtet, ausgenommen bei Frauen nach einer Entbindung. In den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts tritt der Begriff Harn- oder Urininkontinenz nicht auf. Wohl stößt man auf die Diagnose "Harnträufeln". Hiergegen empfiehlt Adam Loniitzer (1564) - er nannte sich Lonicerus und stammte aus Frankfurt/Main - die Wurzel des Eibisch (Althaea officinalis, Fam: Malvaceen). Sie wurde auch im 18. und 19. jahrhundert noch bei katarrhalischen Infektionen des Urogenitalsystems benutzt. Häufig erwähnt wiId die Bärentraube (Arctostaphylus uva ursi, Fam: Ericaceen), die bis heute ihren Platz in der Phytotherapie behaupten konnte.

Der deutsche Chirurg Lorenz Heister (1683 -1758) verfaßte 1718 ein Lehr buch der Chirurgie, in dem Möglichkeiten zur Inkontinenztherapie aufgezeigt wurden, zum Beispiel durch Kompression vom Damm aus, durch Bruchbänder oder Einsatz einer Penisklemme. In England beschreibt 1777 Thomas Leake, ein Lehrer für Geburtshilfe, zwei Hilfsmittel für die Inkontinenzversorgung. In den folgenden Jahrzehnten mehren sich die Literaturhinweise, wobei oft recht obstruse Therapien empfohlen werden.

In dem 1725 erschienenen Werk Der curieuse und vernünftige Zauber-Arzt von Christoph de Hellwig (Pseudonym Valentin Kräutermann) werden Rezepte wie Asche von Igeln, Kröten oder Ziegendreck empfohlen. Die Problematik der Inkontinenz in der Frauenheilkunde umreißt Carl Gustav Carus (1789-1869) in seinem 1820 in Leipzig erschienenen Lehrbuch der Gynäkologie, dem 1822 eine Ergänzung zur Lehre von Schwangerschaft und Geburt folgte. Nach 1830 folgen Publikationen, die teilweise auch aus heutiger Sicht sinnvoll und weiterführend sind. In diesem Zusammenhang sei der amerikanische Arzt James Marion Sims (1813-1883) genannt. Der Begründer der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843), berichtet in seinem 1833 erschienenen Werk Reine Arzneimittellehre über das unwillkürliche Harnlassen und seine verschiedenen Formen. Wesentlich intensiver geht er allerdings in seinem Werk Chronische Krankheiten, ihre eigentümliche Natur und homöopathische Heilung (1928) auf diese Krankheitserscheinungen ein. Die in der Homöopathie gebräuchlichen Arzneien, wie Belladonna (Atropa belladonna, Fam: Solanaceen) bei krampfartigen Zuständen im Urogenitalbereich, Nux vornica (Strychnos nux vornica = Brechnuß, Fam: Loganiaceen) und Scilla maritima (Meerzwiebel, Fam: Liliaceen), bei unfreiwilligem Harnabgang infolge Husten gehen in diese Zeit zurück. Aus der amerikanischen homöopathischen Schule stammt die Verwendung von Hydrangea arborescens (Baumhortensie, Fam.: Saxifragaceen) durch Nottingharn (1899). Er berichtet über einen Patienten, der seit 8 Jahren an Incontinentia urinae litt. Diesen konnte er mit einem Fluidextrakt aus Hydrangea (Dosis. alle 3-4 Stunden einen Teelöffel voll) in kurzer Zeit heilen. Madaus (1938) berichtet, daß auch der Frauenflachs oder das Leinkraut (Linaria vulgaris, Fam: Scrophulariaceen) bei Enuresis und Harninkontinenz verordnet wurden.

Einer der geriatrischen "Urväter", Dr. E. Canstatt, beschrieb 1839 Inkontinenz als Folge der Blasenlähmung und Erweiterung der Harnblase. Als Ursache für die "Überlaufblase" werden Strikturen der Harnröhre, Vergrößerungen und Ausartungen der Vorsteherdrüse, Blasensteine, Blasenhämorrhoiden usw. genannt. Hier wird auch bereits erwähnt, daß Incontinentia urinae oft mit Stuhlverstopfung kombiniert ist. Der Katheter wird zu dieser Zeit nur in der Diagnostik eingesetzt.

1836 beschreibt Christoph Wilhelm Hufeland in seinem Buch "Enchiridion medicum" den unwillkürlichen Urinabgang (Incontinentia urinae, Enuresis) recht genau. Er schreibt. "Der Kranke verliert entweder den Urin ohne Wissen und Willen beständig (Enuresis completa), oder nur ohne Willen, der Andrang kommt zu schnell und so dringend, daß er ihm sogleich nachgeben muß (Enuresis incompleta, spastica); oder er verliert ihn nur im Schlafe (Enuresis nocturna)". Therapeutisch wird für die Enuresis spastica eine Entfernung des Reizes je nach seiner Ursache angegeben. Dagegen ist nach Auskunft von Hufeland die Enuresis completa (atonica) schwer zu heilen. Neben Roborantia, Exitantia, Adstringentia werden noch kalte Duschen und Elektrizität angegeben. Aber hier wird auch bereits angesprochen, daß in unheilbaren Fällen nichts anderes übrigbleibt als das Tragen eines Urinhalters oder Kompressoriums. Hilfsmittel dieser Art waren zu dieser Zeit nicht gerade billig (Urinsperrer 2 Thaler, Urinhalter 3-4 Thaler, Tragebeutel 1-3 Thaler), so Becker 1820.

Dagegen mutet die Behandlung der nächtlichen Enuresis bei Kindern durch Hufeland richtig modern an. Er empfiehlt Reduzierung der Trinkmenge vor dem Schlafengehen, das mehrmalige Wecken während der Nacht, um den Urin zu lassen, aber auch Verhaltenstherapie. Im äußersten Fall rät er zum Anbinden einer biegsamen Flasche in der Nacht.

Unterstützt wird das erneute Aufgreifen der Inkontinenz in der Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts sicherlich durch die zunehmenden Kenntuisse der Anatomie und Physiologie. Hier ist Ludwig Bernhard Kohlrausch (1811-1854) zu erwähnen, der ille erste umfassende Untersuchung über die Funktion der Blase und des Blasenhalses 1854 publizierte. Über die Blasendynamik berichten dann 1880 Mosso und Pellicani, die am Physiologischen Institut der Universität Turin arbeiteten. 1898 schildern schließlich Zuckerkandel und Frankl-Hochwarth in ihrem Buch Die nervösen Erkrankungen der Blase die lokalisierte Elektrisationsbehandlung mit Faradayschen Strömen, direkt oder perkutan. Fast neuzeitlich klingt in diesem Buch der Satz. "Keine Berechtigung haben Ätzungen der Harnröhre oder gar die Verwendung von Verweilkathetern", eine Therapie, die zu dieser Zeit oft zum Schaden des Patienten angewandt wurde.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht die Diagnostik der Blasen- und Urethralfunktionsstörungen große Fortschritte. Erwähnt sei die Arbeit von Kruse (1927) über die "Cystometrischen Messungen des Blasendrucks und ihre klinische Bedeutung". Hinsichtlich der Therapie ergaben sich nur durch die Erfindung des Ballonkatheters Anfang des 20. Jahrhunderts wesentliche neue Aspekte. Um das Jahr 1930 hatte der amerikanische Urologe Frederic E. B. Foley die geniale Idee des selbsthaltenden Ballonkatheters, der heute als Dauerkatheter Verwendung findet. Erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts beobachtet man eine intensivere therapeutische Beschäftigung mit dem Problem Inkontinenz.Nach Lachnit (1983) dürften dafür zwei Gründe ausschlaggebend sein: So zwang einerseits die enorme Zunahme des Anteils älterer Menschen dieses früher tabuisierte Thema endlich aufzugreifen, zum anderen ermöglichten moderne Untersuchungsmethoden, etwa Messungen der Urodynamik und die Erforschung neuer Materialien für Hilfsmittel, weitere Therapieformen. Die Folge waren eine völlig neue Perspektive der Harninkontinenz und die Entwicklung zahlreicher chirurgischer Behandlungsmethoden.

Auch in der konservativen Therapie erzielte man Fortschritte. Man besann sich nicht nur auf ältere Angaben, etwa zum Kürbis (Cucurbita pepo, Fam: Cucurbitaceen) oder die Untersuchungen zur Sabalpalme (Serenoa repens, bzw. Sabal serulatum, Fam: Arecaceen), die auch heute noch ihren Stellenwert in der Therapie haben, sondern auch auf bereits bekannte chemische Verbindungen, wie etwa das in Hyoscyamus- und Atropaarten (Fam: Solanaceen) vorkommenden Atropin. Dessen chemische Modifikation führte zum Trospiumchlorid und damit zu einem der bewährtesten, aber auch weiterhin zeitgemäßen und wie aktuelle Studien unterstreichen immer noch erfolgreichen Anticholinergikum in der Inkontinenztherapie.

Die heute weltweit stark verbreiteten Einwegwindeln wurden Anfang der 50er Jahre von der US-Amerikanerin Marion Donovan erfunden, die schon zuvor 1951 eine wasserdichte Windelhose mit Druckknöpfen ("Boater") auf sich patentieren ließ. Nachdem Donovan ihre Erfindung mehreren Papierfabriken angeboten hatte, erkannte 1956 der US-Amerikaner Victor Mills ihre Bedeutung, da er zu dieser Zeit Großvater wurde und keine Lust mehr hatte, seinen Enkel zu wickeln. Er entwickelte die Einwegwindel weiter bis sie 1961 von der Firma Procter & Gamble in den USA unter dem Markennamen Pampers® auf den Markt gebracht wurde. In Deutschland erfolgte die Markteinführung erst 1973. Wegen ihres hohen Preises dienten Einwegwindeln in den Anfangsjahren nur als Ergänzung zu Mehrwegwindeln, zum Beispiel zur Verwendung auf Reisen. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Einwegwindeln bezüglich Passform, Saugstärke und Hautfreundlichkeit ständig weiterentwickelt.





Letzte Änderung am:  21 Dez 2013 12:15


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