Meine Inkontinenz, die fast unendliche Geschichte



......oder wie gelernt habe, damit klar zu kommen

Mein Name ist Willi (von der Redaktion geändert) und ich möchte euch meine Leidensgeschichte einmal etwas näher bringen. Ich habe lange überlegt, ob ich das so öffentlich tun soll, aber ich meine es hilft auch denen, die sich nicht trauen so offen damit umzugehen.

1994 erlitt ich beim Sport einen vierfachen Bandscheibenvorfall in Bereich der Lendenwirbelsäule. genauer gesagt in den Etagen S1 - L2. Bis zu dem Zeitpunkt des Unfalles habe ich niemals mit Rückenbeschwerden zu tun gehabt. Es wurde durch meinen damaligen Arzt erst einmal wie ein Lumbago behandelt, und erst zwei Wochen später, als ein gehen schon fast unmöglich war wurde ich in ein Krankenhaus verbracht. Auch dort versuchte man erst eine Konservative Therapie, welche nach 5 Tagen eine absolute Bewegungsunfähigkeit in den unteren Extremitäten, einen Ilius sowie vollkommenen Harnverhalten mit sich brachte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht mal den Verdacht einer Inkontinenz in Erwägung gezogen.

Sofort wurde ein CT angeordnet, welches dann die Wirkliche Ursache an den Tag förderte. Die Diagnose lautete vierfacher Bandscheibenvorfall mit sequestierung der Bandscheide L5-S1 und massiver Caudaimpresion. Noch am gleichen Tage wurde ich Notfallmäßig in der Uniklinik Kiel operiert. Nach der Operation ging es mir dementsprechend gut. Ich hatte wieder Gefühl in den Beinen, wenn auch gemindert, aber es war da. Die Darmtätigkeit regte man mittels Irrigation wieder an, und das Harnverhalten war durch eine Kathederesierung beendet worden. Nach 8 Tagen wurde ich aus der Klinik entlassen, doch bevor ich ging wurden mir noch Medikamente zum Zwecke einer Therapie verordnet, der Katheder wurde gezogen, und ich fühlte mich dementsprechend gut oder auch schlecht.

Wie hat sich die Inkontinenz erstmals bemerkbar gemacht?

Wie du in der Anamnese siehst gab es verschiedene Restsymptomatiken die ich mit nach hause nahm. es wurde eine Ambulante Physiotherapie eingeleitet. Ich habe mir erst einmal gedacht das die Inkontinenz, welche eigentlich zu diesem Zeitpunkt nur Nachts auftrat durch die Schmerzen beim Wasserlassen (geistige Blockade) und der Tatsache des Katheders begründet war. Erst als sich das Problem der Inkontinenz nicht besserte sondern durch einen 1997 nochmaligen sequestrierten Bandscheibenvorfall L2 - L3 mit einer wieder eintretenden Caudaimpresion der bereits geschädigten Nervenwurzel auch noch Tagsüber einstellte machte ich mir Sorgen.

Mein Arzt und die Neurochirurgen teilten mir aber mit das so etwas nach einer Operation normal sei und sich mit der Zeit wieder legen würde. Die geschädigte Nervenwurzel müsse sich erst wieder regenerieren. Davon abgesehen hat sich die Nervenwurzel bis heute nicht regeneriert und es ist unwahrscheinlich das sie es noch macht.

welche Gefühle hat das hervorgerufen?

Die durch die Inkontinenz hervorgerufenen Gefühle haben eigentlich je nach Situation die gesamte Bandbreite des Negativen erreicht. Ich würde sie in Stufen einteilen:

Die erste Stufe:
da habe ich mir Sorgen gemacht und mich geschämt, schließlich war ich fast dreißig Jahre alt, verheiratet und hatte eine zwei Jährige Tochter.

In der zweiten Stufe:
Fing ich an immer mehr zu Grübeln Den durch familiäre Situationen in meinem Elternhaus war ich sehr lange Bettnässer, die Inkontinenz hat mich also wieder in den vorher überwundenen emotionalen Schmelztiegel der Kindheit zurückgeworfen. Nicht das ich infantil wurde, nein es kam mir nur so vor als wenn ich wieder Bettnässer wäre, es dauerte sehr lange zu realisieren das es sich bei der Inkontinenz um eine eigenständige Symptomatik handelte die ihr eigenen Ursachen hatte.

In der dritten Stufe:
Begann ich mich immer mehr sozial zu isolieren, ich dachte das jeder sehen, hören, riechen und wissen würde das ich Inkontinenz Slips tragen würde (ich bevorzuge diesen Ausdruck, da ich die Begrifflichkeit Windeln nicht mag). Es machte mich einsam und sauer zugleich. Ich gab jedem die Schuld an meiner Inkontinenz, den Ärzten als erstes, meinen Eltern weil ich zwischenzeitlich immer wieder an das Bettnässen denken musste, vor allem am Morgen. Und schließlich meiner Familie, denn hätte ich diese nicht gehabt wäre mein Leben bestimmt anders verlaufen.

Zur vierten Stufe:
Da muss ich sagen das es eine Stufe der Bewältigung und des Aufarbeitens ist, denn wie man sich denken kann wird es schwer wenn man immer einsamer wird. Ich habe die vierte Stufe meiner Frau zu verdanken. Sie hat mir gezeigt das sie zur mir steht, das die Welt nicht weiß das ich Inkontinent bin und es nun mal Schicksal war das es so gekommen ist. Von diesem Zeitpunkt an habe ich versucht mich Konstruktiv mit der Inkontinenz auseinander zu setzen, und habe dadurch den Weg zu der dir nun bekannten Seite im Internet gefunden. Ich musste feststellen das es jede Menge Menschen gibt die das gleiche "Problem" wie ich haben. Und sie leben alle Ihr leben weiter. Was sollte denn nun noch dagegensprechen es Ihnen nicht nachzumachen.

Und habe festgestellt das es eine fünfte Stufe gibt:
In der es eigentlich nur noch um ein Leben mit der Inkontinenz geht. Was ich damit meine ist die ständige Suche nach dem passenden Hilfsmittel und dem Bedürfnis anderen inkontinenten Menschen zu helfen. Welche Tätigkeiten im Alltag sind durch die Inkontinenz eingeschränkt bzw. nicht mehr möglich?

Dazu muss man feststellen um welche Form der Inkontinenz und besonders um welchen Schweregrad es sich handelt. Ich bin mittlerweile vollkommen Harninkontinent und möchte hier alle Tätigkeiten aufführen die ich nicht mehr ausübe.

Ein für mich sehr wichtiger Punkt ist das Baden in einem Schwimmbad.
Dieses führe ich nicht mehr durch da es extrem schwer ist ein geeignetes Produkt zu finden welches dem jeweiligen Menschen zusagt. Des weiteren habe ich ein ungeheuer hoch angesiedeltes Scharmgefühl, dies blockiert mich weiterhin es auch nur zu versuchen.

Ein weiterer Faktor ist die berufliche Tätigkeit.
Es wird sicherlich den einen oder anderen Beruf geben in dem es unmöglich erscheint Inkontinenzslips zu tragen. Verschiedene Gründe können zum Beispiel die fehlenden Sanitären Einrichtungen sein, siehe Baugewerbe. Das lasse ich also auch lieber sein. Ich kann nicht mehr in den erlernten Berufen arbeiten, das es sich dabei um Berufe der Baubranche handelt. Feststellen muss ich an dieser Stelle aber auch das der eigentliche Hindernisgrund selten die Inkontinenz oder das Produkt ist, sondern eher der eigene Geist der es als undurchführbar erscheinen läst. Wie man sieht lebe ich nun schon seit 8 Jahren mit der Inkontinenz und es fällt mir immer wieder etwas neues ein was ich wieder versuchen möchte.

Wie hast Du/haben Sie darauf reagiert?

In der ersten Reaktion verbittert und Sauer, das beschreibt wohl richtig die Gefühle die sich in mir breit machten, aber auch im nachhinein der Wunsch es doch zu versuchen.

Hast du/Haben Sie in der Familie über Inkontinenz sprechen können?

Erst einmal nicht, man ist einfach nur introvertiert und möchte am liebsten vor Scham in dem Boden versinken. Doch zum Glück hat mich meine Familie dazu gebracht doch darüber zu reden. Ich muss sagen das es wichtig war und immer noch ist darüber zu reden, und jeder der es versucht wird sich wundern wie positiv die Reaktionen des eigenen Umfeldes doch sind.

Ich möchte noch ein kleines Resümee anfügen das ich als besonders wichtig erachte. Jeder Mensch der inkontinent ist oder wird soll aus dem Erfahrungsschatz eines anderen gerne lernen und versuchen ein Leben trotz Inkontinenz zu führen. Es geht wirklich es gibt ein Leben mit der Inkontinenz wie mein Beispiel zeigt. Sicherlich wird es viele Tiefen aber auch genauso viele Höhen geben die einem das Leben doch als "normal" Lebenswert erscheinen lassen.

Ich bin immer noch mit meiner wunderbaren Frau verheiratet, und habe mit ihr mittlerweile drei wunderbare Kinder. Diese Kleinen haben mir gezeigt das es unwichtig ist welche Unterwäsche man trägt, das es unerheblich ist was man nicht kann, das es überhaupt nur darauf ankommt das man Leben will und ihnen ein guter Freund sein kann. Des weiteren habe ich mir einen neuen Freundeskreis aufgebaut nachdem ich Anfangs den alten "weggeworfen" habe. Alle meine Bekannten und Freunde wissen um mein Problem und es ist für sie kein Makel den man mit sich trägt sondern ein Zustand mit dem man ganz normal im Leben stehen kann. Ich möchte an dieser Stelle allen Menschen danken, die sich so aufopferungsvoll und hilfsbereit mir in den Weg gestellt haben.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für eure Zukunft


Willi, ein Betroffener




Letzte Änderung am:  21 Dez 2013 12:03


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