Inko, Leben, Sex???

Hier geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, Partnerschaft und Sexualität.

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Inko, Leben, Sex???

Beitrag #1 von ccat » 18 Okt 2009 05:28


Ich habe gerade etwas in den Beiträgen hier in der Rubrik gestöbert.
Ich denke mal, Sex im Zusammenhang mit Inko ist ein schweres Thema.
Ich selbst bin seit einer Wirbelsäulen-OP 1996 harninko und kann auch nach so langer Zeit nur sehr schwer damit leben. Ich bezeichne mein Leben gar nicht als solches, sondert als bloße Existenz. Oft empfinde ich es als zu lang und habe mir schon vorgestellt wie schön es wäre, meine Zeit zu verschenken an Leute, die damit etwas anfangen können, aber das nur am Rande.

Ich bin inko seitdem ich 14 Jahre alt bin. Es hat meine ganze Entwicklung geprägt.
In einem Alter, wo die meisten Teenager ihre ersten Erfahrungen in Sachen Sex und Beziehungen machen, da war ich sowas wie "aussetzig", meine Schulkameraden schrieen, "ihh", wenn ich vorbei kam und das meine ich ernst.
Ich musste ein Korsett tragen, das war ihr Problem. Hätten sie von meine Inko gewusst, wäre alles noch schlimmer gewesen.
Hätte ich von meiner Inko gewusst, also mich damit auseinander gesetzt, erkannt, wie das mein Leben beeinflusst, hätte ich mich sicher umgebracht.
Ich konnte es "erfolgreich verdränen", immerhin hatte ich ja sowieso keine Freunde, mit denen ich hätte etwas unternehmen können, so dass mir nicht auffiel, dass es eigentlich die Inko war, die mich an meine Zimmer fesselte.
Mit 20 hatte ich dann mein Abi, habe in einer großen Stadt (Ich bin ursprünglich aus einer Kleinstadt) Ausbildung gemacht.
Immernoch fiel mir nicht recht auf, warum ich nicht in der Lage war irgendetwa zu unternehmen. Das klingt total seltsam. Ich dachte eben, ich bin ein fauler Mensch, der kein Interesse an "draußen" hat, ja das dachte ich wirklich.
Zu der Zeit machte ich dann auch meine ersten sexuellen Erfahrungen. Hier wusste ja niemand von meiner Karriere als "Aussetzige", aber ich habe echt lange gebraucht, und es bis heute nicht ganz geschafft, zu erkennen, dass ich nicht so "eklig" bin, wie mir eingeredet wurde.
Ich habe gemerkt, dass ich den Menschen, vornehmlich Männern, etwas "zu bieten" hatte. Sex! Das war für mich ein Mittel, um von ihnen akzeptiert zu sein. Ich gab ihnen Sex, dafür haben sie Zeit mit mir verbracht. Das jemand um meinetwillen mit mir hätte Zeit verbringen wollen, war für mich undenkbar. Ich hätte während meines ersten Jahres in der Stadt etwa mit 7 oder 8 Männern Sex. Ich war sowas wie eine Prostituierte, die sich mit "Zeitverbringen" bezahlen ließ. Sex war für mich nie sonderlich toll. Es war auch nicht total schrecklich, aber auch nie schön. Ich habe zeitweise wirklich gedacht, ich sollte "richtige" Prostituierte werden, dann hätte ich wenigsten etwas vom Sex, nämlich Geld.
Ich hatte zu viel Angst in etwas hinein zu rutschen, aus dem ich vielleicht nicht mehr raus gekommen wäre, deshalb kams nie dazu. Aber ich denke, wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, ich hätte es versucht.
Naja, es forderte natürlich "Opfer" Sex zu haben. Ich habe den ganzen Tag nichts getrunken, wenn ich abends eine Verabredung hatte, damit ich keine Problem dabei hätte, siehe "Unfälle". Ich hatte natürlich regelmäßig Migräne. Hat gedauert, bis ich das mit dem wenig trinken damit in Verbindung gebracht hatte.
Später hab ich dann, nach abgeschlossner Ausbildung, in einer anderen Stadt studiert. Ich hab mir angewöhnt immer so zwei Liter am Tag zu trinken. Tagsüber natürlich nicht, denn da musste ich ja zur Uni und übers Gelände laufen zwischen den Vorlesungen um den Raum zu wechseln. Ich hab dann abends getrunken (also Flüssigkeit, nicht Alkohol :-) und nachts das Bett nass gemacht.
Damals habe ich noch keine Höschen getragen. Bin darauf einfach nicht gekommen. Wie dumm, war aber ehrlich so. Wahrscheinlich wollte ich es nicht wahr haben müssen. Ich hab ne große Mülltüte untergelegt und ne "Babydecke" drauf. Die war dann natürlich jeden Tag nass.
Ist irgendwie total abartig, aber ich hab die dann tatsächlich trocknen lassen über den Tag und mich abends wieder drauf gelegt.
Ich wohnte in einer WG damals, hatte auch einen Freund, mit dem ich in einem Bett schlief. Es ist wirklich erstaunlich, wenn ich so darüber nachdenke, denn meine "aktive Verdrängung" ging wohl soweit, dass ich ihn mit "angesteckt" habe, denn er hat dazu nichts gesagt, obwohl es ja sein Bett in seinem Zimmer war (er wohnte in der gleichen WG, außer uns noch andere Leute). Das hat natürlich gestunken, ehrlich mal, wir haben immer gesagt, das wäre der Hamster (der arme Kerl konnte gar nichts für). Das ist doch echt krass, oder. Darauf bin ich wirklich nicht stolz.
Diesen Freund hatte ich auch nur, um nicht allein zu sein, weil ich mich allein so wertlos fühlte. Ich fand ich nett, aber tiefere Gefühle hatte ich nie für ihn. Wir hatten auch Sex, aber es war "Pflichterfüllung", eben der Preis dafür, dass er mit mir zusammen war.
Ich hatte schon ein paar Semester studiert und Prüfungen vor mir her geschoben. Ich setzte mich dann kurz vor knapp hin und wollte lernen. Mir wurde klar, dass es viel zu spät war, um alles aufzuarbeiten. Plötzlich viel es mir "wie Schuppen von den Augen", dass diese Inko mein ganzes Leben beherrschte. Ich hatte keine Kontakte an der Uni, weil ich nie etwas unternehmen konnte mit den anderen und weil ich mich so wertlos fühlte, dass ich mich niemandem "zumuten" wollte. Ich konnte niemanden ansprechen mit mir zu lernen, denn ich wollte niemanden mit mir belasten.
Ich wollte weinen, schreien und wäre am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand gerannt. Ich wollte aus meiner Haut und konnte nicht. Mir wurde klar, dass ich in einem Käfig gefangen bin, aus dem es kein entrinnen gibt, nie.
Durch eine Freundin, die das mitbekommen hatte, bekam ich recht schnell einen Termin bei einer Psychologin. Das hat mir etwas geholfen, aber ich hätte das noch Jahre machen können. Ich redete immer ganz schnell, weil ich möglichst viel in der Zeit unterbringen wollte. Ich bin echt gestört.
Mein neuer Freund, den ich inzwischen hatte, half mir sehr weiter. Er stellte mich einem Apotheker vor, dem ich mich anvertraute. Dieser empfahl und besorgt mir preiswert Höschen für die Nacht. (Der Ausdruck Windel ist mir verhasst, weil ich mich dann immer noch mehr fühle wie ein Baby, dass seine Körperfunktionen nicht unter Kontrolle hat.)
Jedenfalls musst jetzt der arme Hamster nicht mehr herhalten als Ausrede. Der Freund war mal Zivi gewesen und deshalb sehr verständnisvoll, was das betrifft. Aber oft war es mir viel zu viel. Wenn es nachts trotz Höschen mal nass wurde, wollte er immer gleich die Unterlage wechseln die ich zusätzlich immer drauf hatte auf dem Bett. Ich wollte das nicht, um nicht konfrontiert zu sein mit meiner Unzulänglichkeit. Ich fühlte mich wie eine alte Frau, die er im Pflegeheim hat betreuen müssen.
Damals wie heute habe ich meinen Körper für seine Minderwertigkeit verachtet und ich glaube neben der Verdrängung wollte ich mich auch bestrafen dafür, dass ich es nicht geschafft habe trocken zu bleiben, in dem ich mich im Nassen, Stinkenden liegen ließ.
Eine andere Methode war auch, den Wecker in Abständen zu stellen, um aufs WC zu gehen. Ich versuchte es mit zwei Stunden, aber das reichte nicht. Dann habe ich gedacht: So, du blöder Körper, wenn du halt zu dumm bist dazu, dann musst du eben damit leben, dass du jede verdammte Stunde aufstehen und zum Klo gehen musst.
Ich weiß, das ist total krank, ich weiß wie das klingt, aber manchmal denke ich noch heute so.
Auch diesen Freund hatte ich nur, weil er eben da war, nett, aber keine tieferen Gefühle.
Nach insgesamt drei Jahren brach ich dann mein Studium ab und ging in eine anderes Bundesland zum Dualstudium. Das war letztes Jahr im Juli.
Diesen Freund habe ich immernoch, ich will seit fast zwei Jahren mit ihm Schluss machen (Wir sind bis jetzt so drei Jahre zusammen), aber ich schaffe es nicht. Ich schiebe verschiedene Umstände vor, aber es ist nicht entschuldbar, dass ich ihn benutze, damit er meine Umzüge fährt (Ich muss wegen Dualstudium immer alle halbe Jahre von Praktikums- zu Studienort umziehen.) und noch einige andere Dinge für mich tut. Ich zahle dafür zum Teil seine Miete, weil er mit Geld nicht umgehen kann.
Vor über einem Jahr habe ich dann im Laufe meiner Psychotherapie beschlossen, dass ich mir zu schade bin Sex zu haben, nur weil der Partner es braucht, obwohl ich keinen Spaß daran habe.
Da ich ja von meinem Freund weit weg wohne und ihn nur alle paar Monate sehe, ist es nicht ganz so schwierig, ihn mir "vom Leib" zu halten.
Ich war zwischendurch mal in einen Swingerclub, um mich mal richtig durchf... zu lassen, weil ich immer wieder so dumm bin zu hoffen, dass es einen Tag geben wird, an dem Sex etwas tolles für mich ist und ich mich nicht nur fühle, als wäre ich ein Stück Fleisch.

Ich bin nochimmer sehr wütend über meinen Zustand, obwohl ich ihn nun schon seit 13 Jahren irgendwie ertrage. Die Inko hat mir mein Leben weg genommen und ich bin in einem Käfig gefangen, aus den ich rausgucken und die Welt da draußen bewundern kann. Um nicht daran zu grunde zu gehen, dass ich nichts kann, als hier gefangen zu sein, rede ich mir ein, dass die Welt da draußen sowieso nichts für mich ist.
Eine Partnerschaft wird nie lange funktionieren, denn mit mir in diesem Käfig hält es niemand lange aus, was ich niemandem verdenken kann. Ich halte es ja auch nicht aus. Um Ehrlich zu sein, ich strebe eine Partnerschaft auch gar nicht an, denn ich vertraue keinem Menschen und niemand soll mir zu nah kommen.
Ich bin ein trauriger, verbitterter Mensch geworden in all den Jahren. Ich bin 27 Jahre alt und mein Leben ist seit 13 Jahren vorbei. Ich bin schon fast so lange "tot", wie ich vorher gelebt hatte.
Wenn Menschen über Freiheit reden, kann ich damit nichts anfangen. Was sollte ich micht Freiheit im politischen Sinne? Was nutzt mir die Freiheit ins Ausland reisen zu dürfen, wenn die Inko mich gefangen hält? Was nutzt mir Redefreiheit, wenn ich sowieso niemals die Gelegenheit habe mir jemand anderem als mir selbst zu reden?
Freiheit? Was ist das schon.
Ich kenne nur Inko, den ganzen Tag, an nichts anderes denken, als daran, wie ich meine Flüssigkeitsmenge in mich rein schütte, ich hasse trinken, ich hab wirklich ne Antipathie dagegen entwickelt, ich wünschte, ich müsste nichts trinken, und dann, dass ich ja in der Nähe vom WC bin, immer darauf bedacht mich nicht zu weit davon zu entfernen...

Ich warte immer auf die Aufgabe, die ich irgendwann bekomme und für die ich alle diese Prüfungen bestehen muss, all die Last ertragen, um einmal denn endlich etwas sinnvolles tun zu können. Ich hoffe, es gibt diese Aufgabe, denn wenn ich am Ende meines Lebens zurück blicke und erkennen muss, dass ich nichts geschafft habe außer in einem Käfig zu verrotten, dass ist mein Leben sinnlos gewesen.

Sorry für den Beitrag, aber manchmal muss ich mir einfach alles von der Seele schreiben. Vielleicht gibts ja den einen oder anderen, der sich in Teilen wiederfindet.
Ich möchte endlich mit meinem Problem ernst genommen werden und nicht mehr von Ärzten hin und her geschickt und mit Tabletten abgespeist werden.
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Beitrag #2 von Struppi » 18 Okt 2009 20:22


Hallo,

nimm es mir nicht krumm, aber auch die Inko ist nur ein Synonym für viel tief sitzendere Probleme, die du hast. Wäre es nicht die Inko, dann wäre es etwas anderes, dass dich an Fortschritt und Leben hindern würden.

Mach' deine Therapie weiter.

Gruß

Hannes
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Beitrag #3 von serena » 19 Okt 2009 01:02


ccat, ich bin mit struppi einverstanden. du hast einen richtigen schritt gemacht und eine therapie begonnen. stelle dir einige fragen: was macht mir freude? wie moechte ich in einem jahr leben? was ist mir mit einer partnerschaft wichtig? versuche ueber diese fragen mit deinem therapeuten zu besprechen. ich moechte dir wuenschen, dass du bald die guidelines in deinem leben erkennst und zur zufriedenheit kommst. take care!
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