Inko im Beruf?

Hier könnt ihr eure Erfahrungen mit der Inkontinenz im täglichen Leben, wie zum Beispiel: welche Kleidung ist geeignet, wie mache ich das im Beruf, beim Sport ...... austauschen.

Moderatoren: Helmut, Marco N., Georges, Benjamin

Inko im Beruf?

Beitrag #1 von ccat » 17 Dez 2009 21:29


Hallo an alle!

Hier wiedermal ein Beitrag von mir:

Man sagt immer, Zeit heilt Wunden und man sollte akzeptieren, was man nicht ändern kann. In Wirklichkeit ist ganz anders.
Narbengewebe ist immer minderwertiger als das originale.
Die Inko ist wie ein schwerer Sack, der einem aufgeladen wird. Er geht nicht mehr weg und wird auch nicht leichter. Man bildet nur mehr Muskeln, um ihn besser tragen zu können. Aber trotzdem wird man bei jeder Gelegenheit daran erinnert, dass man ihn zu tragen hat. Und weil man das nicht ändern kann, geht das Leben zwar weiter, aber man lebt nicht, man existiert nur vor sich hin.

Meine Tiere waren für mich immer der Anker, der mich gehalten hat, bis heute.

Ich hab eine Ausbildung gemacht. (Orthoptistin= Fachkraft für Augenheilkunde) Das ist schon ein paar Jahre her. Aus heutiger Sicht bin ich dabei auch schon an den Folgen der Inko gescheitert.
Also ich hab zwar meinen Abschluss, aber in dem Beruf zu arbeiten konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich in der Praxis so Probleme hatte und in der Theorie unterfordert war.
Es war eine medizinische Ausbildung und ich musste mich halt entscheiden, ob ich trinke und andauernd aufs WC muss, was natürlich nicht geht, wenn man mit Patienten zu tun hat, oder ob ich nichts trinke den ganzen Tag, dann abends versuche aufzuholen was geht und dann nachts immer muss.

Dann hab ich studiert, mehr Theorie halt. Das Studium an sich war gut, Stoff interessant und so, aber weil ich niemanden mit mir belasten wollte und ja auch nicht mit den anderen weg gehen konnte, war ich immer allein und weil ich nachst nicht richtig durchschlafe durch die Inko war ich immer müde und schlecht konzentriert, lustlos.
Ich habs dann abgebrochen nach drei Jahren.

Dann war ich ein paar Wochen im Tierheim, helfen, um zu überlegen was aus mir werden soll. Da hab ich dann gemerkt, dass ich doch was kann. Ich konnte total schnell die Leute kompetent beraten.

etzt bin ich Beamtenanwärterin bei der Rentenversicherung und wieder hab ich schon im ersten Praktikum riesige Probleme gehabt. Fachhochschulstudium und Praxis wechseln sich etwa halbjährlich ab. FH geht ganz gut, weil ich da immer kontrolliert bestimmte Zeit im der Klasse sitze und so.
Aber im Praktikum war es problematisch. Man muss ab und zu mal zum Ausbilder, um sich was erklären zu lassen. Man weiß nie genau wann und wenn er redet, kann man auch nicht einfach raus gehen. Außerdem bin ich wie gesagt, weil ich nachts nicht erholsam schlafe immer bleiern müde. Daher muss ich mir alles mehrfach erklären lassen und kann es dann immer noch nicht. Einmal bin ich eingeschlafen bei einer Veranstaltung. Dafür wäre ich fast rausgeflogen. Wäre ich nicht schwerbehindert, wäre ich jetzt raus. Die Ausbilder denken ich wäre faul, uninteressiert und vielleicht noch dumm.
Ich habe ohne medizinische Details die Dinge erklärt, also nicht dass ich Inko habe, weil die meisten Leute sowieso denken, dass das zwar lästig aber soo schlimm auch nicht wäre. Ich sagte es hätte mit meiner Behinderung zu tun. Das wurde zwar hingenommen, aber recht schnell denken sowieso alle wieder ich wäre faul.
Was mich wirklich wütend macht ist, hätte ich nur einen Arm oder säße ich im Rollstuhl, dann würde, trotz Unmut bei den Kollegen, die ja wegen mir mehr Arbeit erledigen müssen, niemand je auf die Idee gekommen mich für faul oder ignorant zu halten. Aber ich hab ja "nur" Inko und "nur" Depressionen, das ist anscheindend nicht "wert".
Versteht mich nicht falsch, wenn ich schlechter arbeite als andere, ist eine angemessene, also schlechtere Bewertung legitim, aber dass niemand begreifen will, dass ich nicht mit Absicht anteilnahmslos bin, dass ich mich einfach nicht traue hundert mal nachzufragen, weil ich mich niemandem zumuten kann, das will scheints niemand verstehen.
Ab Mai ist dann wieder Praktikum und mir graut es schon jetzt. OK, ich nehme jetzt schon seit ein paar Monaten vom Neurologen verschriebene Aufputschtabletten, damit geht es mir schon deutlich besser, aber dafür fällt mir jetzt mehr auf, was ich alles nicht kann und wie lebensfern mein Dahinvegetieren tatsächlich ist.
Meine Kollegen haben mir teilweise soger versucht einzureden, dass diese Stelle doch für mich gar nichts sei. Aber WAS ist denn dann etwas für mich? Ein Sanatorium? Ich bin im öffentlichen Dienst und auch wenn es mir sehr schwer fällt Leuten zur Last zu fallen, ich habe jetzt "einen Fuß in der Tür", das ist ne Chance, die ich nie wieder kriege und da geh ich ganz sicher nicht kampflos raus.
Ich meine, mal ehrlich, ich verstehe, dass es frustrierend ist, wenn ein Kollege seine Arbeit nicht schafft und man selbst dadurch mehr machen muss, aber ich kann es nicht ändern.
Was denke die sich denn? Dass es toll ist immer das Gefühl zu haben mit seiner eigenen Unzulänglichkeit jedem zur Last zu fallen? Dass es lustig ist von allen für faul gehalten zur werden und Unternehmungen madig reden zu müssen, obwohl man auch lieber mitmachen würde?
Und wenn man dann mal einen Erklärungsversuch startet, dann haben alle Mitleid, genau solange, bis sie zur Tür raus sind und ihr Mehrarbeit durch mich ihnen wieder ins Auge fällt. Dass ich den meisten von diesen Leuten naturwissenschaftliche Sachverhalte erklären könnte, von denen die noch nichtmal je was gehört haben, das honoriert niemand.

Wie weit würden wohl die meisten meiner Kollegen mit meinem "Zentnersack" auf den Schultern laufen können? Kaum ein paar Meter, schätze ich, dann würden sie ihn runter werfen. Tja, leider kann ich das nicht. Ich muss ihn tragen und wenn ich ehrlich bin, tue ich das mit Stolz, denn ich weiß, welche Leistung das ist.
Ich habe mich nie gefragt, warum gerade ich.
Warum denn jemand anderes?
Die Last liegt auf meinen Schultern, weil ich sie tragen KANN.
Wäre ich nicht ein Kämpfernatur, ich wäre längst nicht mehr da.
Ich dachte immer ich würde mir den Tod wünschen.
Aber mir ist klar geworden, dass ich mir das Leben wünsche.

Manchmal möchte ich einfach rausgehen, losgehen und erst Stunden später wieder heim kommen. Dann fällt mir ein, dass ich gerade was getrunken habe und zwei Stunden warten muss bis ich wagen kann vor die Tür zu gehen. Ich setze mich dann vor den Fernseher und habe bald den "Tatendrang" vergessen.

Vor ein paar Monaten hat ein Professor mir zur Botox-Behandlung geraten. Ich hatte hier im Forum einen Beitrag dazu eröffnet.
Bisher konnte ich mich nicht aufraffen ihn anzurufen und einen konkreten Termin zu machen.
Es klingt alles so toll. Alle paar Stunden Blase entleeren, zwar Katheder, aber besser als bisher, dazwischen trocken sein, keinen Drang mehr haben. Nachts erholsam schlafen, vielleicht ohne Tablette tagsüber wach sein. Ein Traum.
Aber was, wenn es nicht den gewünschten Erfolgt bringt? Was wenn es schlimmer ist als vorher?

Und was, wenn es erfolgreich ist?
Dann müsste ich es wagen Dinge zu unternehmen, rausgehen, vielleicht tanzen lernen? Keine Ausrede mehr nicht mit den Studienkollegen feiern zu gehen? Spaß? Leben?
Wie soll das gehen? Ich habe nie verstanden, wie man Spaß hat.
Für mich war immer klar, dass ich früh sterbe. Es hat mich schon vor Probleme gestellt, als ich mein Abi fertig hatte. Plötzlich musste ich mir überlegen was ich weiter tun will.
Ich hatte keine Träume, keinen Traumberuf oder sowas. Ich hatte mich damit abgefunden nie die Gelegenheit zu sowas zu haben.
Dies Traurigkeit, die Verzweiflung, das bin ich. Meine Geschichten, Texte und Lieder leben davon. Was bin ich, ohne das alles?
Ich bin kein fröhlicher Mensch.
Ich bin gar kein Mensch, hat mein Stiefvater immer gesagt. Ich habs geglaubt und mich danach gerichtet.
Was soll ich tun, wenn ich plötzlich ein Mensch wie jeder andere sein muss?
Alles was ich bin, bin ich weil ich immerzu kämpfen musste, um Akzeptanz, um Respekt und darum traurig sein zu dürfen.
Jemand der ein "Sonnenschein" ist, den hat man gern in seiner Nähe, selbst ich. Nur ertragen mich solche Menschen um so weniger in ihrer Nähe.
Ich bin die Finsternis, die den Menschen klar macht, wie hell und wunderbar ihr Leben doch ist. Ich kann dieses Licht ebenso sehen wie sie, vielleicht noch deutlicher, weil ich das Zenturm dieses dunklen Schattens bin, aber die Wärme kann bis zu mir nie dringen.
Ich habe zu große Angst vor dem Leben.
Faust hatte einen Pakt geschlossen mit Mephistopheles. In dem Augenblick, als er sagte "Verweile doch, du bist so schön.", hatte der Teufel ihn hingerissen zum Genuss des Lebens und genau in diesem Moment war das Leben des Faust dem Tode geweiht.
Was wenn ich anfange zu hoffen, zu wünschen und zu träumen? Was wird als Nächstes kommen? Eine neue Krankheit? Eine Krankheit bei einem geliebten Menschen? Ein Verlust?
Ich weiß ich werde das alles tragen. Ich werde weiter und weiter gehen und jede Last aufnehmen bis mich irgendwann eine weitere niederreißt.
Aber mit jedem neuen Sack auf meinen Schultern werde ich anders. Was wird am Ende übrig sein?
Ich möchte endlich mit meinem Problem ernst genommen werden und nicht mehr von Ärzten hin und her geschickt und mit Tabletten abgespeist werden.
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Hallo Du liebe "Menschin" !

Beitrag #2 von schierwolf » 28 Dez 2009 12:50


Dein Beitrag hat mich sehr getroffen! Und da liegt mir soviel gleich auf der Zunge oder sonstwo.
Wie kann Dein Stiefvater so eine verletzende Aussage machen? Das allein finde ich schon sehr schlimm! Nach Deinem Beitrag zu schliessen, musst Du ein ganz wunderbarer Mensch, Menschin, sein! Vielleicht, dass Deine Mitmenschen schlecht sehen? Also ich jedenfalls kann den Sonnenschein bei Dir gut erahnen!
So, jetzt aber ein paar Bemerkungen: Erstens: So wie Du schon geschrieben hast - aus der Rentenversicherung lässt Du Dich nicht kampflos rausekeln. Super!! Ich geb Dir alles an Kraft, was ich Dir geben kann für diesen Kampf. Mit meinen Gedanken will ich Dir beistehen. Wenn ich Dein Arbeitgeber wäre, tät ich mir alle 10 Finger abschlecken, dass ich Dich mit im Team habe, nach alldem, was u schon geleistet hast.
Zweitens: Schlechter Schlaf. Wenn meine Patienten über Schlafprobleme klagen, gibt es einige Fragen: Behinderte Nasenatmung? Apnoephasen? Dann -jetzt lach mich nicht aus, wenn ich das als Arzt sage: Hast Du mal Deinen Schlafplatz wegen Wasseradern, Erdstrahlen etc. untersuchen lassen? Das ist so wenig Aufwand und kann bisweilen sehr viel ausmachen. Schlafmittel sind keine Alternative und wenn ich dann von Aufputschmittel für den Tag lese, was bei Deiner Müdigkeit nach so einer schlechten Nacht verständlich ist, da dreht's mir eh gleich den Magen um. Bitte nicht!
Drittens: Botox: Sei zurückhaltend damit. Aber das hast Du ja auch schon selbst erwähnt: Was, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt? Und es kann die Sache auch verschlechtern.
Viertens: Das allerwichtigste: Du klingst bei allem Kampfesmut sehr traurig. Ich wünsche Dir für das Neue Jahr, dass Du wieder Mut fasst, dass Du an das Leben glaubst. Wünsche Dir Menschen um Dich herum, die Dich gernhaben und Dich so nehmen, wie Du bist! Und die all Deine Sonnenstrahlen, Dein positives Wesen meine ich, erfassen und wertschätzen! Vielleicht solltest Du einen Fachmann/-frau für die Seele aufsuchen, aber bloss Antidepressiva schlucken allein, das wird's wohl nicht sein. Wenn Du willst, kann ich Dir mal so einen Screening-Fragebogen schicken. ich mach das bei allen meinen Patienten, wenn ich Symptome für eine Depression vermute.
Kopf hoch, Du bist eine ganz tolle Frau!
Ich werd an Dich denken!
Nach Bergunfall inkontinent geworden. Habe gelernt, damit zu leben. Und heute sehe ich meine Inkontinenz sogar als Bereicherung meiner Sexualität, wenngleich die Scham nach aussen bleibt....
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