Analatresie - Behindertenausweis, ja oder nein?

Hier geht es um das Thema Inkontinenz und Bettnässen bei Kindern und wie deren Eltern damit klar kommen.

Moderator: Helmut

Analatresie - Behindertenausweis, ja oder nein?

Beitrag #1 von Vanessa » 19 Nov 2012 11:11


Liebe Forenmitglieder,

ich wäre für jeden Ratschlag, den ihr mir geben könntet dankbar!

Ich arbeite in einer familienergänzenden Einrichtung (daher habe ich das Elternforum gewählt, weil das andere noch unpassender gewesen wäre) und dort lebt ein Mädchen (11 Jahre) das unter ihrer anorektalen Fehlbildung leidet.
Bisher verweigert sie, Binden oder Einlagen zu benutzen, selbst wenn dies bedeutet, dass Unfälle geschehen.
Habt ihr Tips für uns, wie wir das Mädchen davon überzeugen können, Einlagen zu tragen?

Seit geraumer Zeit stellen meine Kollegen und ich uns die Frage, ob es sinnvoll und gut für das Mädchen wäre, einen Behindertenausweis zu beantragen. Allerdings sind wir uns darüber noch nicht einig. Was könnte ein solcher Ausweis für das Mädchen bedeuten? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich dadurch für sie?

Die Idee des Ausweises kam uns, weil das Mädchen Schulprobleme hat (bedingt durch den Hintergrund und das erlernen müssen der deutschen Sprache, innerhalb kürzester Zeit) und ein Behindertenausweis eine Integrationskraft ermöglicht, der ihr vermutlich dabei helfen könnte, ihr schulischen Leistungen zu verbessern.
Auch hier fragen wir uns, ob dies sinnvoll wäre. Auf einer Regelschule, zusammen mit einem Integrationshelfer, unter vielen anderen Schülern, die keinen solchen besitzen?

Über Ratschläge oder Erfahrungen bezüglich eines Behindertenausweises wären wir daher sehr dankbar.

Liebe Grüße,
Vanessa
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Vanessa
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Beitrag #2 von tobbi99 » 25 Nov 2012 18:21


Hallo Vanessa,

ich habe einen Schwerbehindertenausweis, aber nicht "nur" wg. Inkontinenz. Ob der überhaupt bewilligt würde, kann ich also leider nicht sagen (ich denke zumindest bei einem Kind aber erstmal ja bzw. man kann es versuchern).

Leider weiss ich auch nicht, welche Möglichkeiten man bzgl. Förderung in der Schule man dann mehr hat als ohne. Ich würde mir aber Gedanken machen, ob ein Schwerbehindertenausweis für die Zukunft des Kindes so eine gute Idee ist. Irgendwann wird das Mädchen sich mal um einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle bewerben. Der Arbeitgeber wird dann fragen, ob ein Scherbehindertenausweis vorhanden ist. M.W. muss auf diese Frage wahrheitsgemäß geantwortet werden. Das könnte dann nachteilig sein.

Sorry, dass ich dir nicht mehr dazu sagen kann. Vielleicht findet sich ja noch jemand anderes.
Grüße,
Tobbi
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tobbi99
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Beitrag #3 von BiBo1964 » 07 Jan 2013 11:10


Hallo Vanessa, hallo tobbi99,

laut der derzeitigen (noch nicht höchstrichterlich entschiedenen) Rechtslage ist man nur verpflichtet die Schwerbehinderung bei einer Bewerbung anzugeben wenn sie maßgeblichen Einfluss auf die angestrebte Stelle haben kann. Wenn die (Schwer-)Behinderung keinen Einfluss auf die Stelle hat muss man dies nicht zwingend angeben. Eine Frage nach einer Schwerbehinderung bei dem Vorstellungsgespräch wird im allgemeinen seit Einführung des AGG (2006) als zumindest sehr fragwürdig und wahrscheinlich nicht zulässig angesehen. Da fehlt aber, wie bereits geschrieben, noch die höchstrichterliche Entscheidung. In der Einrichtung in der ich arbeite werden zumindest bei Bewerbungsgesprächen inzwischen keine Fragen nach einer Schwerbehinderung gestellt.

Man kann durchaus (je nach schwere der Analatresie und der Begleitfehlbildungen) einen Schwerbehindertenausweis erhalten. Es ist aber meist von der Fachkompetenz der begutachtenden Ärzte des Versorgungsamts und der eingereichten Unterlagen abhängig.

Fachkompetente Ärzte für Analatresie sind in Deutschland aber an 1-2 Händen abzuzählen. An der Charité in Berlin gibt es eine Kinderchirurgin, die sich damit sehr gut auskennt und an der Bult in Hannover soll es auch einen fachkundigen Kinderarzt geben.

Nachteile sollte es durch einen Schwerbehindertenausweis theoretisch keine geben, aber wir alle kennen das wahre Leben. Diskriminierung kommt immer wieder vor. Vorteile gibt es offiziell nicht sondern es nennt sich Nachteilsausgleiche. Diese sind je nach Grad der Behinderung und ggf. auch nach den zusätzlichen Merkzeichen gestaffelt.

Sich über die Nachteilsausgleiche Gedanken machen kann man sich, wenn man den Ausweis in den Händen hält. Davor ist es müßig darüber zu spekulieren.

Bei einer Analatresie sollte es im Beruf und in der Schul- und Berufsausbildung bei den meisten Fällen zu keinen größeren Problemen kommen, wenn man im Vorfeld kompetente Hilfe erhalten kann und diese auch annimmt.

Ich kann für kompetentere Informationen die Selbsthilfeorganisation für Menschen mit angeborenen anorektalen Fehlbildungen (SoMA e.V.) empfehlen: http://www.soma-ev.de

Ich bin Mitglied der SoMA und habe selber eine Analatresie und auch einen Schwerbehindertenausweis (ausschließlich wegen der Analatresie). Damals war es aber weitaus leichter einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Bei der SoMA gibt es Menschen, die eine Ausweis haben, aber auch einige, die ihn nicht gewährt bekommen haben. Es ist aber ggf. einen Versuch wert ihn zu beantragen und es auch auf einen Widerspruch bei Nichterteilung ankommen zu lassen.
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