Neue OP bei Blasenschwäche ( Quelle: www.surfmed.de)

Hier geht es um die Diagnostik und Behandlung von Inkontinenz und anderen Erkrankungen des Urogenitaltraktes.

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Neue OP bei Blasenschwäche ( Quelle: www.surfmed.de)

Beitrag #1 von Drele » 07 Mai 2004 18:51


Neuartige Operationstechniken versprechen Frauen, die an Inkontinenz leiden, wirksam und dauerhaft zu helfen. Ein Osnabrücker Chirurg importierte die Methode nun von den australischen Erfindern.

Keine Medikamente, nie mehr Windeln


Schätzungsweise jede vierte Frau leidet an einer behandlungsbedürftigen Blasenschwäche, jede zweite Frau kennt das Problem zumindest vorübergehend, zum Beispiel nach einer Geburt: häufiger Harndrang, auch nachts, unwillkürlicher Harnabgang, das unsichere Gefühl, die Blase nicht mehr kontrollieren zu können.

Massive Beeinträchtigung
Im Alter steigt die Zahl der Betroffenen: Der Alltag und das Körpergefühl von etwa einem Drittel der Frauen über 60 ist von einer Inkontinenz teilweise massiv beeinträchtigt. Wenn Beckenbodentraining und Medikamente nicht helfen können, bleibt meist nur der Versuch, das Problem chirurgisch zu beheben. Aber auch Operationen waren bisher schwierig und konnten nicht immer helfen. Völlig neue Operationsmethoden versprechen nun eine Revolution in der Therapie der Inkontinenz.

Die Schlinge um den Blasenhals
Schon die Einführung der sogenannten TVT-Technik (tension-free vaginal tape) vor etwa zwei Jahren bedeutete einen erheblichen Fortschritt in der operativen Therapie. Dabei wird in örtlicher Betäubung ein elastisches Band um den Blasenhals gelegt. Diese Operation hilft jedoch nicht in allen Fällen. Die Technik ist eine von mehreren, die der australische Uro-Gynäkologe Peter E. Papa Petros seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt hat. Der Schwede Ulf Ulmsten (Universität Upsala) verhalf ihr zum internationalen Durchbruch. Die TVT-Technik wird inzwischen weltweit angewandt - gut für viele betroffene Frauen, gut auch für Professor Ulmsten, der am Einsatz der TVT-Bänder nicht schlecht verdient.

Es geht auch ohne Band
Seit Februar nun wird im Uniklinikum Osnabrück demonstriert, dass das Band nur eine von mehreren Operationsmöglichkeiten ist, und je nach Fall nicht unbedingt die beste. Klaus Goeschen, Chefarzt der Osnabrücker Gynäkologie, hatte von den Arbeiten der australischen Kollegen gehört und war von den Methoden Petros so beeindruckt, dass er zur Weiterbildung nach Australien reiste. Bisher ist Goeschen nach eigenen Angaben in ganz Europa der einzige Gynäkologe, der die neuen Techniken beherrscht und anwendet. Seit Februar hat das Osnabrücker Team bereits über 70 Patientinnen erfolgreich operiert. Klaus Goeschens bisherige Erfahrung bestätigt die aus Australien berichtete Erfolgsquote in über 90 Prozent der Fälle. Das Klinikum plant die Einrichtung eines Trainingszentrums, in dem andere Gynäkologen die neuen Techniken erlernen können.

Ein Trampolin, das in den Seilen hängt
Worin besteht nun das Revolutionäre der neuen Technik? Klaus Goeschen: "Den Operationsmethoden liegt ein völlig neues Verständnis von Art und Funktion des Beckenbodens zugrunde. Man kann sich den Beckenboden wie ein Trampolin vorstellen. Er besteht aus einer Membran und Bändern, die ringsherum am Beckenknochen aufgehängt sind. Überdehnungen wie bei Geburten, eine Erschlaffung der Muskulatur oder eine Gebärmuttersenkung können das gesamte Aufhängungssystem instabil machen." Der wichtigste Pfeiler der Petros’schen Methoden sei die präzise Diagnose. Goeschen: "Nur wenn der geschwächte Bezirk oder auch mehrere defekte Anteile des Beckenbodens genau lokalisiert sind, ist die für die jeweilige Patientin individuell erforderliche Operationstechnik oder die Kombination mehrerer Methoden bestimmbar." Insgesamt haben Petros und seine Kollegen von der Universitätsklinik in Perth 20 verschiedene Operationsmethoden entwickelt, die sie je nach Art und Lage der betroffenen Stelle im Beckenboden einsetzen.

Wirksam und schonend
Die OP-Verfahren werden unter örtlicher Betäubung "minimal invasiv" durchgeführt - d.h. mit Mikro-Instrumenten, die durch einen kleinen Schnitt eingeführt werden. Für die Patientinnen bedeutet dies weniger Schmerzen und einen Krankenhausaufenthalt von nur ein paar Tagen.
Goeschen ist überzeugt, dass sich die neuen Techniken bald durchsetzen und die Inkontinenz-Therapie völlig umkrempeln werden: "Petros und die Kollegen der Austral-Asian Association of Vaginal and Incontinence Surgery haben wirklich bahnbrechende Methoden entwickelt. Wir wissen jetzt, dass das Gewebe im Beckenbodenbereich ganz anders reagiert als wir es gelernt haben - und dass die vielen möglichen Ursachen einer Inkontinenz entsprechend differenzierte chirurgische Methoden erfordern."

Windeln und Medikamente bald überflüssig?
Fragt sich, warum sich die sensationell klingende Botschaft in Expertenkreisen bisher noch nicht so recht herumgesprochen hat, und das trotz zahlreicher Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften wie z.B. in The Lancet (349:505, 1255) oder dem International Journal of Urogynecology (8:270-278). Goeschen: "Ich war selbst zuerst total verblüfft von dem, was ich in Perth erfahren habe. Auch die TVT ist ja noch nicht alt, und selbst die führenden chirurgischen Kapazitäten haben sie angewandt in der Überzeugung, auf dem neuesten Stand der Technik zu sein."
Durch die Kollegen in Australien und jetzt auch in Osnabrück wird zumindest in Europa bald ein Umdenken einsetzen, glaubt Goeschen. In den USA könnte es dagegen etwas länger dauern: "Kommerzielle Interessen sind schließlich auch immer mit im Spiel. Man denke nur an den Absatz von Medikamenten gegen Inkontinenz, und von Hilfsmitteln wie Vorlagen und Windeln. Der wird natürlich rapide sinken, wenn den betroffenen Frauen durch eine sichere Operationsmethode wirksam und dauerhaft geholfen werden kann."
Etwaige Rechtschreib- und Grammatikfehler in diesem Text sind gewollt und wurden hier mit Absicht versteckt. Wer sie findet, darf sie behalten.
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Drele
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