Auseinandersetzung mit einer verdammten Krankheit

Hier geht es um Probleme mit der Prostata und eine daraus entstandene Inkontinenz.

Moderatoren: Marco N., Georges

Beitrag #21 von eckhard11 » 25 Aug 2005 12:23


Donnerstag, der 20.11.03 ( 9. Tag nach der Operation )

Um 05:30 Uhr stehe ich auf, wasche und rasiere mich und schreibe diesen Bericht weiter.
Heute morgen kann ich mir ein richtige Frühstück bestellen. Drei Brötchen, dick belegt mit Wurst und Käse, haue ich mir rein. Die Schwester meint dazu, mich hätte man wohl nicht richtig zugenäht.....
Nach Telefonaten mit der Firma fühle ich mich saustark. Ich gehe duschen ( wieder eine Stunde lang ) bis der Verband abfällt.
Markus kommt und wechselt den Verband. Dann zeichnet er seine obligatorischen Zeichen auf dem Verband.
Hurra, ich muß dringend kacken. Und richtige Kürtel. Dies ist ungemein beruhigend, da mir gesagt wurde, die Operation hätte auch eine Darmlähmung zur Folge haben können. Dies ist jetzt eindeutig nicht mehr der Fall.
Ich bin so begeistert, daß ich meine Kürtel einige Zeit anstarre und sie dem Pfleger Dömröse, der ins Zimmer kommt, zeige.
Sofort spricht sich auf der Station herum, daß es mir viel besser gehe. Alle kommen und begutachten mich. Ich bin richtig gerührt von der Anteilnahme.
Ich erhalte ein vollständiges Mittagessen und kann - wie vorher - aus einer großen Speisekarte die Mahlzeiten für die nächsten Tage aussuchen.
Dr. Hahn kommt zur Visite und ist sehr zufrieden. Aber heute wird noch kein weiterer Schlauch entfernt.
Nachmittags kommen Ulrike und Tanja. Wir quatschen ein wenig, dann sind sie wieder weg, da sie unbedingt noch einkaufen wollen.
Danach verläuft der Tag ereignislos. Abends verspüre ich wieder eine Druck und kann mich gut erleichtern.
Es scheint alles wieder in die Reihe zu kommen.


Freitag, der 21.11.03 ( 10. Tag nach der Operation )

Heute morgen nach dem Frühstück kommt Frau Petzka und bringt mir das Geld für den Slowaken, der sich für den Vormittag angesagt hat. Ich verstaue das Geld in meiner Jackentasche.
Dann kommt Pfleger Dömröse und macht den Vorschlag, zur besseren Beweglichkeit heute alle Hüftbeutel zu entfernen und dafür zwei Beinbeutel anzulegen.
Währenddessen kommt Ullemäusken ins Zimmer und wird wieder hinausgeschickt. Soll ja eine Überraschung sein, so ohne meinen vollgehängten „Galgen“ auf dem Gang zu spazieren.
Nachdem die Schläuche miteinander verbunden und die Beinbeutel angebracht sind, lege ich meinen Geldgürtel um und verstaue die Knete darin. Sind immerhin 13.000,00 Euro....
Dann gehe ich zur Kaffeestation. Mein geliebtes Eheweib kommt mir entgegen und kann es gar nicht glauben, wie ich so ohne jedes Hilfsmittel dahertänzele. Wir umarmen uns und weinen ein wenig. In diesem Moment wußte ich : „Ich habe es geschafft“.
Kurz darauf kommt Jakubek mit Freundin, Tochter und 2 Mitarbeitern, ergo insgesamt 5 Personen.
Viel bla, bla, er hat Schnaps und Wein mitgebracht ( ich trinke gar keinen Alkohol, und wenn, dann mal ein gezapftes Pils ). Egal, ich bin in Hochform.
Dann übergebe ich das Geld, lasse quittieren und gebe die Quittung meiner Frau.
Danach verschwinden alle.
Kurz darauf ist es auch schon Zeit für das Mittagessen. Erstklassig. Forelle blau. Lecker !!
Ich lasse die Beinbeutel noch dran, hole mir einen Kaffee und gehe ins Raucherzimmer. Bisher hatte ich keinerlei Sucht nach Nikotin gezeigt. Das Pflaster hatte wohl doch geholfen, aber jetzt denke ich mir : „Petersmann, zur Feier des Tages rauchst Du mal eine der Zigarren, welche Frau Petzka mitgebracht hat.“
Damit ist meine nikotinfreie Zeit sofort beendet. Aus einer Zigarre wird zwar nur eine Halbe, dann kommt eine RothHändle und das war´s mit dem „Rauchenaufhören“
Ich entferne das Plaster, damit ich nicht zuviel Nikotin im Körper habe.
Am späten Nachmittag werden die Beinbeutel entfernt und die normalen Beutel wieder angeschlossen.
Nach dem Abendessen surfe ich ein wenig.
Ist aber langweilig. Ich gehe ins Raucherzimmer und lese.
Am Abend ziehe ich mir einen Film rein und gehe um 23:30 Uhr schlafen. Als Schwester Erika eintritt, um den Beutel zu wechseln, werde ich wach. Wir torfen erst mal eine. Sie ist ganz begeistert von dem neuen Raucherzimmer.....

Samstag, der 22.11.03 und Sonntag, der 23.11.03 ( 11. und 12. Tag nach der Operation )

Wie es so an Wochenenden ist, passiert rein gar nichts. Ich rufe am Sonntag meinen Bruder an, da dieser am 23.11. Geburtstag hat.
Ulrike und Tanja machen ihre Besuche, ich schleiche durchs Haus und versuche, die Zeit totzuschlagen.
Ich fühle mich schon wieder fit wie ein Turnschuh.
Erstaunlich, wenn ich bedenke, wie erbärmlich es mir noch vor einigen Tagen ging.
Allerdings habe ich 16 kg abgenommen. Ich sehe aus wie das Leiden Christi.....


Morgen die letzten Tage.

Jetzt leg ich mich erst einmal wieder hin .sleep:
Eckhard
Zuletzt geändert von eckhard11 am 30 Dez 2005 12:29, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitrag #22 von eckhard11 » 26 Aug 2005 11:43


Montag, der 24.11.04, ( 13. Tag nach der Operation )

Heute soll der Katheter raus, sagt Dr. Hahn bei seiner - sehr frühen - Visite. Aber die Fisteln sollen noch drinbleiben bis zum Entlassungstag. Na gut, trotzdem wieder ein Beutel weniger.

Ich gehe runter in den OP, wo erst einmal eine Röntgenaufnahme gemacht wird.
Dr. Hahn wundert sich, daß der Schlauch soweit heraushängt, bis er die Röntgenaufnahme sieht.

Ich hatte mir wohl doch einmal auf den Schlauch getreten oder ähnlich, deswegen war der Ballon ein ganzes Stück in die Harnröhre gezogen worden. Deshalb hatte ich auch immer ein so merkwürdiges Gefühl im Unterleib.

Egal. Dr Hahn zieht den Katheter raus und ich pinkel denen erst einmal den ganzen OP-Tisch voll.
Hat mir ja keiner gesagt, daß ich kein Wasser halten könne. Pscht... im vollen Strahl über das Laken. Mann, haben wir gelacht. Außer Dr. Hahn, dem ich an den Kittel gepinkelt habe....

Mir werden einige Papiertücher gereicht, die ich mir in die Hose stopfe. Dann geht es wieder auf die Station. Pfleger Domröse ist da und beginnt mit mir sofort Beckenbodentraining. Ich muß gar nicht permanent pinkeln, so wie der erste Eindruck war, sondern kann schon jetzt das Wasser halten, wenn auch noch nicht über längere Zeit.

Man bringt mir Vorlagen ( Molimed maxi ) welche ich in meinen Schlüpfer klebe.
Erstaunlicherweise kann ich den Druck bemerken, wenn sich meine Blase füllt, sodaß ich immer früh genug zur Toilette gehen kann.
Domröse ist ganz begeistert. Ich auch.
Natürlich ist der Harnandrang noch nicht so groß, da teilweise noch über die Fistel entwässert wird.
Für die Nacht erhalte ich eine Windel. Sehr unangenehm. Unförmig. Ich stopfe noch ein Handtuch dazu. Und stelle mir den Wecker auf 03:00 Uhr.

Dienstag, der 25.11.04, ( 14. Tag nach der Operation )

Ich bin kaum nass. Das meiste ist wohl doch über die Fisteln weggegangen.
Nach einem guten Frühstück bereite ich mich auf einen langweiligen Tag vor.

Beckenbodentraining jetzt dreimal täglich, unterbrochen von langen Duschvorgängen.
Das Wasserhalten wird immer besser, der Stuhlgang ist mittlerweile normal.

Mittwoch, der 26.11.04, ( 15. Tag nach der Operation )

Heute werden die letzten beiden Schläuche entfernt. Dr. Hakemi kommt.
Zupp, sind die beiden Dinger draußen.
Sofort bemerke ich eine Druckanstieg in der neuen Blase.
Dr. Hakemi sagt, dies läge an der Schleimbildung in der Blase. Dieser Schleim lege sich vor die Harnröhre und würde daher den Auslauf des Urines bis zu einem gewissen Druck verhindern.
Das wäre für mich zwar mittelfristig ein Vorteil, aber mit der Zeit würde die Schleimbildung in der Blase nachlassen. Dann würde ich den Druckanstieg nicht mehr spüren.
Bis dahin müßte ich durch das Beckenbodentraining soweit sein, die Blase über den äußeren Muskel etwas zuhalten zu können. Das wäre aber nicht so einfach, wie er das sagen würde.
Intensives Training vorausgesetzt, wäre ich eventuell in einem Jahr soweit, tagsüber den Muskel unter Kontrolle zu halten.

Nachts allerdings würde ich wohl inkontinent bleiben..... Scheißaussicht. Aber andererseits ???
Die Alternative wäre diese - im allgemeinen braune - Kiste mit dem Deckel und den Messingbeschlägen gewesen.
Dann doch lieber inkontinent.

Ich nehme dies zur Kenntnis und trainiere weiter.

Donnerstag, der 27.11.04, ( 16. Tag nach der Operation )

Morgen werde ich entlassen.

Dr. Hahn war gerade da, hat seine letzten Untersuchungen durchgeführt und mir das Ergebnis des Pathologen mitgeteilt.
Eine ganz, ganz kleine Metastase sein in der ausgeschälten Lymphe gefunden worden. Das wäre vernachlässigbar.

Ich bekomme einen Schock.

Ich sage Dr. Hahn, auch ich wäre einmal ganz, ganz klein gewesen. Und heute riesig groß.
Dr. Hahn erwidert, ich brauchte absolut keine Bedenken zu haben. Ich wäre wieder so gesund wie vor meiner Erkrankung. Da gäbe er mir sein Wort drauf. Mit der Inkontinenz könnte ich leben.
Ich glaube ihm.

Den ganzen Tag denke ich an nichts anderes als daß ich nach Hause gehe. Meine Sachen sind schon gepackt, der Mitarbeiter für morgen früh bestellt.
Ich laufe durch die Gebäude und erzähle jedem, der es gar nicht hören will, daß ich entlassen werde.
Jetzt erst begreife ich, was mit mir passiert ist.

Freitag, der 28.11.04, ( 17. Tag nach der Operation )

Um 07:00 Uhr kommt mein Frühstück. Heute leiste ich mir vier Brötchen mit eminent viel Aufschnitt drauf.
Um 08:00 Uhr taucht Barczakowski auf, um mich abzuholen.
Ich verabschiede mich von allen, stecke einen gehörigen Betrag in das Sparschwein auf dem Stationzimmer und verschwinde.
Um 09:00 Uhr schließe ich unsere Wohnungstür auf.

Alle stehen da und erwarten mich. Alle, sogar Dörte und Leo, die extra aus München angereist sind.

Ich bin wieder zu Hause......



So, Leute,

das war sie nun, meine Erkrankung.
Ich hoffe, euer Interesse nicht enttäuscht, einigen von euch etwas Mut gemacht und andere nicht zu sehr geschockt zu haben.
Es war mir ein Bedürfnis, diese Krankengeschichte niederzuschreiben.
Wenn ich mich heute so sehe ( einige von euch haben mich ja in Ulm kennengelernt ), dann glaube ich selbst nicht, dass ich dermassen gefährlich erkrankt war.

Als einzige Erinnerungen habe ich die lange Narbe und das bisschen Pinkeln, aber das ist immer noch besser als in der Kiste !!

Ich bedanke mich für das gezeigte Interesse.
Bleibt, wie ihr seid und macht euch nicht selbst das Leben schwer wegen etwas Urin in der Windel. Es gibt Schlimmeres.....


Ich leg mich jetzt wieder hin .sleep:
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Beitrag #23 von Ramona » 26 Aug 2005 20:31


Hallo Eckhard!

Danke für Deine so ausrührlichen Bericht. Ich finde es echt toll, daß Du diesen veröffentlicht hast. Mit Sicherheit werden andere dadurch auch ermutigt. Toll wäre jetzt noch eine Zusammenfassung über die Zeit nach dem Krankenhaus. Also grade die Erfahrungen mit Hilfsmitteln u. s. w.

Gruß Ramona
GESTERN ist vorbei,
MORGEN ist noch nicht da
und HEUTE hilft der Herr.

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Beitrag #24 von eckhard11 » 04 Sep 2005 13:05


Hallo Leute,

irgendwann heute nacht oder heute morgen ist diese Seite das eintausendste Mal ( !!! ) aufgerufen worden.

Wahnsinn......

Ich habe nicht damit gerechnet, dass euch eine profane Krankengeschichte derart interessieren würde.


Aus Dankbarkeit bin ich gerade einmal für 5 Minuten aufgestanden,
lege mich aber jetzt wieder hin ( wir wollen ja nicht übertreiben, hi, hi.... ) .sleep:
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Beitrag #25 von Helmut » 04 Sep 2005 23:42


Hallo Eckhard,

ich finde es auch toll, dass ein so großes Interesse an deinem Beitrag da ist. Vielleicht animiert das ja auch noch weitere Betroffene, ihre Leidensgeschichte schriftlich darzulegen und hier ins Forum zu stellen. Du hast in deiner Geschichte auch etwas Spannung reingebracht, was so manchen zum weiterlesen brachte.

Schön wäre es auch, wenn es bei der Umfrage zu unserer Zeitschrift auch soviel Interesse gegeben hätte und sich mehr daran beteiligen würden.

Gruß Helmut :wink:
Ich bin nicht ganz dicht .......na und!
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Beitrag #26 von eckhard11 » 16 Okt 2005 12:45


Hallo Leute,

im Forum "Harnblasenkrebs.de" hatte sich jemand aus Herdecke ( kleine Stadt westlich von Hagen ) gemeldet, der morgen im AKH Hagen ( auf der Urologie, auf der ich ebenfalls lag ) operiert wird und welcher meinen Bericht, den ich auch im Harnblasenkrebs - Forum veröffentlicht hatte, gelesen hat.

Dieser Mann hat sich im Forum sehr bedankt, weil ihm mein Tagebuch doch viel Angst vor der Operation und deren Folgen genommen hätte.
Trotzdem, er wäre noch immer etwas ängstlich......

Natürlich habe ich den Betreffenden sofort im Krankenhaus aufgesucht, um ihm nochmals Mut zuzusprechen.
Ich glaube, dass ist mir auch gelungen, allein schon durch meine Präsenz bzw. meinen Körper.
Werner hat es nicht für möglich gehalten, dass auch ich eine derartige Operation hinter mir habe und dann so gesund aussehen könnte....

Ich habe mich - schon aus diesem Grunde - gefreut, dass mein Tagebuch jemandem etwas geholfen hat.

Ich denke, es wird mir auch gelingen, Werner für den SVI zu interessieren.


Bis dahin lege ich mich wieder hin .sleep:
Eckhard

Ps.: Übrigens hat Werner meinen Bericht dem Personal der Station bekanntgemacht.
Seither kursiert der Bericht durch das ganze Krankenhaus.
Ich bin mal gespannt, ob sich jemand aus der Krankenhausleitung bei mir meldet, denn die ist ja nun wirklich nicht gut weggekommen, hi, hi.....
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