Wie Ungarn zu meinen Lieblingsreiseland wurde

Hier könnt ihr über eure Hobbys berichten und mit anderen austauschen.

Moderatoren: Helmut, Marco N., Georges, Benjamin

Re: Wie Ungarn zu meinen Lieblingsreiseland wurde

Beitrag #21 von Gulliam » 31 Mär 2020 16:52


Wehmut

Beim Schreiben der Berichte ist bei mir doch Wehmut ausgebrochen. Anfang der 80er Jahre waren wir auf dem Campingplatz mit ca. 50 Familien befreundet. Die waren zwar nicht jedes Jahr dort, aber immer genügend und abends wurde gefeiert, Lieder gesungen. Es war einfach schön.
Wo sind sie alle geblieben?
Bei 2 Familien ist ein Partner verstorben, in einer Familie kann der Ehemann nicht mehr richtig sehen, die Frau hat keinen Führerschein, die Freunde aus der ehemaligen DDR fahren, seitdem der Krieg in EX Jugoslawien zu Ende ist, nach Kroatien, meine ungarischen Freunde fahren nach Jesolo/Italien. Die Holländer? Da habe ich mal einen von gefragt, warum er nicht mehr kommt. Da hieß es zu teuer. Ich habe ihn gefragt: Wo fahrt ihr denn hin? Nach Frankreich, meinte er. Wie, sage ich, da ist es doch noch teurer. Klar, sagt er, aber ich habe ja nur 400Km. Nach Ungarn muss ich 1500Km fahren. Und was in Frankreich teuer ist nehme ich von zu Hause mit.
Meine österreichische Freundesfamilie hat sich in der Gegend von Nikla ein Haus gebaut. Noch nicht mal im Ort selbst, sondern 2Km entfernt. Das ist nur eine Strasse, ohne Geschäft, nur ein paar Wohnhäuser. So einsam, sieht aus als wenn dort der Lauf zwischen Hase und Igel stattgefunden hätte.
Doch der Trend ist allgemein so. Siotours hatte in Zamardi die Campingplätze Auto´s1, Auto´s2 und Auto´s3.
Auto´s 2+3 sind mittlerweile geschlossen, und der Auto´s 1 ist nur zu 20% gefüllt. Um die Verluste auszugleichen, heben die einfach die Preise an, ziehen die Hauptsaison nach vorne, und streichen den Stammkundenrabatt. Im Jahre 2000 habe ich 32 DM bezahlt und jetzt soll ich 54€ zahlen. Für die gleiche Leistung. Das mache ich natürlich nicht mit. Ich habe mir einen kleinen, schönen Campingplatz gesucht. Dort gefällt es mir eigentlich noch besser.
Tatsache ist aber, dass wir seid 2000 keine Leute auf dem Campingplatz mehr kennen und uns jedes Jahr eben neue Bekannte suchen müssen.
Aber unsere ungarischen Freunde, die in Ungarn wohnen, die haben wir noch.
Trotz alledem, wenn man dann alte Sachen raussucht, dann kommt einfach Wehmut auf und man sehnt sich nach den *alten* Zeiten zurück.
So schönes feiern, ob im Keller oder auf dem Campingplatz, wird es wohl nicht mehr geben. Oder ich lade mir die Leute vom Ungarninfo ein.

Bild

Hier, in diesen Urlaub, gab es nochmal, wie man auf den Bildern sieht, ein grosses Treffen. Anlass war ein sehr trauriger. Im alten Board konnte ich noch nicht darüber schreiben, weil es mir einfach noch das Wasser in die Augen trieb.
Unser Freundeskreis hatte ja auch Kinder. Diese Jugend hat viel unternohmen, schon mal in die Disco, oder einfach mal nach Budapest zu den römischen Ausgrabungen.
Ein Mädel aus der Gruppe ist an Krebs erkrankt, und hatte sich gewünscht, noch einmal mit dem Freundeskreis am Balaton zu sein. Die Eltern riefen und alle kamen.
Wir haben einen wunderschönen Abend in einen Weinkeller verbracht. Ich habe sie gefragt wie es ihr geht. Sie hat geantwortet: Willi, hier gesundet meine Seele.
Leider ist sie 2 Monate danach verstorben.
Viele Grüsse
Gulliam
Benutzeravatar
Gulliam
(Themenstarter)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
 
Beiträge: 248
Alter: 82
Registriert: 18 Feb 2006 20:16
Wohnort: Regio Aachen
Land: Germany (de)
Geschlecht: Männlich
 
Partner: Witwer
Art der Inkontinenz: Urin
Hilfsmittel: Vorlagen

Re: Wie Ungarn zu meinen Lieblingsreiseland wurde

Beitrag #22 von Gulliam » 31 Mär 2020 16:53


Die letzte Reise
Wie es denn so ist, irgendwann ist immer Schluss. Und ich sagte zu meiner Christa, so in der 6. Woche, am Donnerstag packen wir, fahren Freitag und sind dann so am Wochenende zu Hause. Normal fährt sie dann auch gerne nach Hause, aber jetzt sagte sie, du Willi, wir haben doch keine Verpflichtungen, schau doch mal nach, wie viel Tabletten wir noch haben. Dann können wir doch so lange bleiben. Sie mußte neben Marcumar noch 14 andere Tabletten einnehmen.

Ich hatte noch für eine Woche Tabletten. Also wollten wir noch bleiben. Montag nach dem Bad kommt sie und sagt, vorne liegt noch Holz, sollen wir noch mal ein Lecso kochen? Dann müssen wir aber einkaufen gehen.

Wir sind dann einkaufen gegangen. Als wir zurück waren, habe ich gesagt, Christa, du kennst doch mein Glück, 6 Wochen Sonnenschein, aber wenn ich am Donnerstag einpacke, dann regnet es bestimmt. Also packe ich jetzt ein, die paar Tage kann doch Tisch und Stühle auch mal draussen stehen.

Gut, sagt sie, aber mir geht es nicht gut, ich lege mich was hin. Wenn du Hilfe brauchst, dann rufst du. Ich habe dann alles eingepackt und so um 18 Uhr sage ich, Schatz, willst du nicht mal aufstehen, was willst du heute Nacht machen? Sie ist dann kurz aufgestanden, hat sich aber wieder hingelegt. Dann bekam sie Magenschmerzen und ich habe ihr einen Magentee gemacht, den sie aber nicht beibehielt. Dann habe ich unsere Freundin angerufen, sie soll uns einen Notarzt schicken. Der Notarzt war auch sehr schnell dort und wies sie ins Krankenhaus nach Dombovar ein. Ich habe meinen Sohn angerufen. Er kam mit dem nächsten Flugzeug. Um es kurz zu machen, sie bekam eine Infusion gegen Schmerzen. Uns schickte man nach Hause. Früh am nächsten Tag war ich gleich früh wieder da. Man hatte sie ins Koma gelegt, um sie schmerzfrei zu machen. Der Arzt sagte dann, sie hätten sie in die Röhre gesteckt und dadurch etwas im Gehirn gesehen. Sie würden sie nach Kaposvár schicken denn dort ist ein Gehirnzentrum.

So um 10 Uhr kam der Chefarzt und sagt mir, es baue sich ein großer Druck im Kopf auf und sie wissen nicht woher das käme. Die Lage sei sehr kritisch, und sie würde noch kritischer. Sie könne heute Nacht sterben oder in 4 Tagen, oder sie könne überleben. Aber dann käme sie nie mehr aus dem Bett. Er könne weder in der einen oder der anderen Richtung etwas sagen.

Mir war es, als zieht mir jemand den Boden unter den Füssen weg.

Ich wollte in der Nähe von meiner Christa sein. Ich bin auf dem Flur sitzen geblieben und habe gebetet. Doch unser Herrgott hat mich nicht gehört. Um 13:30 Uhr kam die Schwester. Sie sagte mir, Christa ist verstorben.

Jetzt stehe ich im Moment ganz orientierungslos hier, und muß mir einfach meinen Kummer vom Herzen schreiben.

Ich habe noch nicht begriffen, dass sie nie mehr kommt.

So wie ich immer die Berichte von unseren schönen Urlaubfahrten geschrieben habe, so schreibe ich eben auch jetzt den Bericht vom schlimmsten Urlaub in meinen Leben.




__________________________Bild
Bild__________ Bild_________ Bild


___________________________Bild





Sie liebte das Land und die Menschen,
nun ist sie von ihrer letzten Reise nach Ungarn zurückgekommen.

„Nem múlnak el Ök, Kik szivünkben élnek,
Hiába szállnak, szárnyak, álmok, évek“

("Die, die in unseren Herzen leben, vergehen nicht,
Egal wie viele Fliegen, Flügel, Träume, Jahre"]
Viele Grüsse
Gulliam
Benutzeravatar
Gulliam
(Themenstarter)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
 
Beiträge: 248
Alter: 82
Registriert: 18 Feb 2006 20:16
Wohnort: Regio Aachen
Land: Germany (de)
Geschlecht: Männlich
 
Partner: Witwer
Art der Inkontinenz: Urin
Hilfsmittel: Vorlagen

Re: Wie Ungarn zu meinen Lieblingsreiseland wurde

Beitrag #23 von Georges » 02 Apr 2020 18:42


Lieber Gulliam,

es tut mir Leid zu hören was passiert ist. Ich wünsche dir und die Familien viel Kraft!

Du sagst du stehst alleine momentan. Wie kann man dir momentan helfen?

Liebe Grüße,
Georges
Georges van der Wolf
(im Vorstand)

Telefon: 01579 / 2366887 (am besten abends zwischen 20:00 und 21:00 Uhr)
Brief: Georges van der Wolf, Franz-Altenhofen-Straße 8, 54292, Trier

--- A simple act of caring, creates an endless ripple ---
Benutzeravatar
Georges
Moderator
Moderator
 
Beiträge: 194
Alter: 45
Registriert: 04 Jul 2010 15:39
Wohnort: Trier und Wuppertal.
Land: Germany (de)
Geschlecht: Männlich
 
Partner: Verheiratet
Art der Inkontinenz: Dranginkontinenz, in aktive Morbus Crohn Phasen auch ungewollten Stuhlverlust.
Hilfsmittel: Je nach Bedarf unterschiedliche Hilfsmittel/Medikamente.

Re: Wie Ungarn zu meinen Lieblingsreiseland wurde

Beitrag #24 von Gulliam » 03 Apr 2020 10:30


Mein lieber Freund, der Bericht ist 10 Jahre alt, ich habe den hier rein gesetzt, weil ich denke bei der Corona kann man gut Lesestoff gebrauchen.
Ja meine Frau fehlt auch heute noch, ich bin froh, da ich mit meinen Sohn und die Enkelkinder zusammen lebe.
War meine Dummheit, hätte ich am Anfang erläutern sollen.
Entschuldige bitte.
Viele Grüsse
Gulliam
Benutzeravatar
Gulliam
(Themenstarter)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
Profiautor (min. 150 Beiträge)
 
Beiträge: 248
Alter: 82
Registriert: 18 Feb 2006 20:16
Wohnort: Regio Aachen
Land: Germany (de)
Geschlecht: Männlich
 
Partner: Witwer
Art der Inkontinenz: Urin
Hilfsmittel: Vorlagen

Vorherige

Zurück zu Hobbys

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron