ich geb noch einen drauf

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Beitrag #1 von papa0861 » 28 Sep 2006 00:02


als ewig gestriger, und bislang noch immer der alten sozialistischen ddr nachweinender habe ich mir auf grund des kontaktes mit einem stasi-inhaftierten mal folgenden autor einverleibt:

solschenizyn


meine erkenntnisse daraus waren vernichtend.

man lese die bücher:

"der archipel gulack" (drei teile), und "der erste kreis der hölle".

zugegeben, auch das hab ich bislang skeptisch betrachtet. allerdings gab es beim letzten doku-festival in schwerin einen beitrag eines betroffenen.

ich kann nur sagen:

wer das nicht gelesen oder gesehen hat, weiß nicht was war und wie wir manipuliert wurden.
in anbetracht dieser erkenntnisse schäme ich mich glatt für meine vergangenheit.

liest man diese bücher unbefangen, kommt man zu der erkenntnis, daß das sozialistische system nichts anderes als der faschismus (auf ausgefeilteter ebene) war.

einen rat dazu:

wer es lesen und dazu noch verstehen will, sollte sich viel zeit nehmen. ich habe für die ersten drei bände 15 wochen benötigt. beim letztgenannten buch klebe ich noch immer am anfang. man muß gerade beim ".. hölle..." immer mal wieder im gulack nachlesen um die zusammenhänge zu begreifen. aber es lohnt sich.


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Beitrag #2 von mehlbox2001 » 13 Okt 2006 05:58


Hallo Jürgen,

ich kann dein Entsetzen gut verstehen, denn mit deinem Alter hast du vor allem die milderen Jahre der DDR erlebt ...

Aber in einem Punkt muss ich ganz doll energisch widersprechen, weil ich annehme, dass du mit Faschismus nicht die italienische Spielart der Diktatur meinst, sondern die deutsche Sorte ...

Weißt du, ich selber trage einen heute recht seltenen ukrainisch-jüdischen Familiennnamen, der noch 1932 nicht gerade eine Seltenheit im Berliner Adressbuch war. Von 1982
bis 1994 stand ich im Berliner Telefonbuch, seitdem ist wieder niemand da mit meinem Namen ... Fast alle meine Namensvettern sind in den Gasöfen Mittel- und Osteuropas gelandet. Die alten Berliner Adressbücher kannte ich schon lange, aber die im Jahre 2003 neue Internetseite von Yad Vashem hat mir einiges an Alpträumen beschert ...

Wahrscheinlich bin ich deswegen so empfindlich, wenn du eine der widerlichen korrupten und grauenhaften Dikturen dieser Erde (und davon gibt es mehr als genug) mit einem Regime vergleichst, wo selbst das bitterlichste und flehentlichste Lügen nichts half. Auch in der DDR konnte man immer noch lügen, den Kommunisten mimen und schauspielern, irgendwie die Haut retten, auch wenn's schwer fiel. Mit dem falschen Ariernachweis half gar nichts mehr ...

Zur Ehrenrettung der deutschen Bürokratie sei aber auch eines erwähnt: Nach dem Krieg meldeten sich etliche jüdische Kirchensteuerzahler beim Finanzamt und meinten, sie müssten nun wohl nichts mehr an Kirchensteuer zahlen ... und es wurde ihnen erlassen, die Komödie weiter zu spielen ... einer der Finanzbeamten war der Schwager meines Großvaters ...

Bitte, Jürgen, vergleich nie wieder irgendein schrecklich ekliges Regime mit den Nazis, wo Leute gezielt nach Abstammung im Krematorium geendet sind. Meine entfernte Verwandschaft und all die andern haben's nicht verdient.

Andreas
(dessen Familie schon gegen 1850 getauft wurde)



Wer übrigens mal nach seinem eigenen Familiennamen suchen möchte, hier der Link zur Datenbank von Yadashem mit mehr als drei Millionen Namen und Schicksalen:

http://www.yadvashem.org/lwp/workplace/IY_HON_Welcome
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Beitrag #3 von Chris00 » 13 Okt 2006 08:08


Hoi,

ich habe diese ganze "Ostalgie" nie verstanden. Wenn alles sooo toll war, wofür wurde denn dann 1989 demonstriert? Also, zugegeben, als das alles passierte, war ich noch viel zu jung, um alles in voller Tiefe zu verstehen, aber ich hatte damals als Kind das Gefühl, dass die Leute der (damaligen) DDR gerne hierher gekommen sind...

Ich habe deswegen auch unter lautstarkem Protest die Vorpremiere von "Good Bye, Lenin!" verlassen, da der Film in meinen Augen unter dem Deckmantel des Humors, ein gnadenloses Regime der Repressalien beschönigt. Wenn man bedenkt, wieviele Kinder und Jugendliche "DDR" nur als RAM-Bausteine kennen, halte ich eine solch verzerrte Darstellung der Vergangenheit für sehr gefährlich.
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Beitrag #4 von Gulliam » 13 Okt 2006 10:26


Ich bin eigentlich immer politisch uninteressiert gewesen, weil ich nach jeder Wahl merkte, das ich vorher belogen wurde.
Ich bin seit 1972 Ungarnurlauber, nicht jedes Jahr, aber eben sehr oft.
Habe dort viel Freunde aus der ehemaligen DDR, habe immer noch in Erinnerung, die Klagen von früher,über die Versorgung, oder die lange Wartezeiten auf ein Auto, oder das man nicht genug Geld in Ungarn tauschen durfte, oder ich kenne noch ihre Witze ### Was gibt es im Jahr 2000 in der DDR?
nur noch Geld###
Und heute treff ich mich immer noch mit den gleichen Leute, natürlich sind wir Freunde geworden, aber es ärgert mich schon, wenn sie sagen, och so schlimm war das jarnicht in der DDR, wir hatten sehr viele gute Sachen.
Wenn ich denn sagte möchtest du wieder in der DDR leben, dann kommt ein Nein.
Es scheint so, das man die positiver Sachen behält, und die negativen Sachen verdrängt.
Das ist die Ost- Nostalgie
Viele Grüsse
Gulliam
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Beitrag #5 von Chris00 » 13 Okt 2006 10:51


Gulliam hat geschrieben:weil ich nach jeder Wahl merkte, das ich vorher belogen wurde.


Pauschalisierung ist immer schlecht!
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Beitrag #6 von papa0861 » 13 Okt 2006 11:13


mehlbox2001 hat geschrieben:Bitte, Jürgen, vergleich nie wieder irgendein schrecklich ekliges Regime mit den Nazis, wo Leute gezielt nach Abstammung im Krematorium geendet sind. Meine entfernte Verwandschaft und all die andern haben's nicht verdient.


hallo andreas,

ich glaube, du hast mich hier irgendwie falsch verstanden.

gerade im komm. system, explizit unter der ära stalins wurde ebenfalls eine art rassen-/klassenauswahl getroffen. dies wird sehr gut im archipel gulag beschrieben. sicher, man hat nicht krematorien gefüllt, man wählte eine billigere methode. man verbuddelte die toten dort, wo sie gerade liegengeblieben sind.
insoweit kann man schon parallelen zu den ns zeiten ziehen.
um zu verstehen, was ich damit meine, muß man die bücher wirklich gelesen haben.

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Beitrag #7 von papa0861 » 13 Okt 2006 11:26


hallo chris, hallo guliam,


es ist tatsächlich so, daß man die bestehende ostalgie nicht erklären kann. aber fakt ist nunmal, daß viele die früher geschrien haben "wir sind das volk" etwas ganz anderes wollten, als aus der vereinigung geworden ist.
aus meiner sicht ging das alles viel zu schnell. die ddr wurde rigeros plattgemacht und ein großteil der "befreier" hat sich einefach nur eine goldene nase verdienst.

und im endeffekt, hat sich für viele die lage verschlimmert. klar hat man gejammert, daß mein kein auto bekam. und? brauchte man unbedingt eins? nö, für was. man mußte nicht hunderte kilometer fahren um arbeit zu finden. man brauchte sich keine sorgen um den werdegang der kinder machen.

natürlich darf man aber auch nicht pauschalisieren. auch heute gibt es eben dinge die gut und und welche die weniger gut sind. sicherlich darf man auch nicht verschweigen, daß verschiedene verbrechen begangen wurden (meine jetzt z.b. die mauerschützen).

ich kann auch nicht sagen daß es mir heute schlechter oder besser geht, als früher. das liegt aber daran, daß ich nen krisensicheren job habe.

und trotzdem hänge ich an der alten zeit. sie war trotz aller mängel schön.

im übrigen gibt es bessere filme als goodby lenin.

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Beitrag #8 von Chris00 » 13 Okt 2006 11:43


papa0861 hat geschrieben:aus meiner sicht ging das alles viel zu schnell. die ddr wurde rigeros plattgemacht und ein großteil der "befreier" hat sich einefach nur eine goldene nase verdienst.


Welch einseitige Sicht der Dinge. Die 80 Millionen "Befreier" leiden heute noch ganz schön unter der Last von Leistungen, die an "Befreite" aus Systemen ausgezahlt werden, obwohl Letztere nie dort eingezahlt haben. Und war da auf meiner letzten Gehaltsabrechnung nicht noch so etwas wie eine Sonderabgabe ...?


papa0861 hat geschrieben:und im endeffekt, hat sich für viele die lage verschlimmert.


Und das wagst du zu sagen, nachdem der Westen Deutschlands durch die Wiedervereinigung so viele finanzielle und kulturelle Opfer bringen musste?



papa0861 hat geschrieben:klar hat man gejammert, daß mein kein auto bekam. und? brauchte man unbedingt eins? nö, für was. man mußte nicht hunderte kilometer fahren um arbeit zu finden. man brauchte sich keine sorgen um den werdegang der kinder machen.


Genau. Wozu ein Auto? Ihr durftet ja eh' nirgendwo hin. Außerdem war es bei eingeschränkter Mobilität auch viel leichter, die freien Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates zu überwachen! Geld für tollen Urlaub hattet ihr ja auch keins. Und wenn vor Ort keine Arbeitsplätze mehr vorhanden waren, wurden einfach welche geschaffen - das ist richtig kreative Volkswirtschaft.

Und die Kinder wurden von Anfang an aus den Familien gerissen und in staatlich-kontrollierten Einrichtung zu aufrechten Bürger gemacht - richtige Gesinnung eingeschlossen. Dabei muss dann wohl das Menschliche auf der Strecke geblieben sein (s. die Häufung an Kindstötungen in Familien der ehem. DDR in den letzten zwei Jahren. Quelle: Jede Tageszeitung, einfach mal lesen).

Und wie unglaublich Tollerant doch all diese Kinder mit dem hervoragenden Werdegang geworden sind. Gerade im Umgang mit Ausländer tun sich da die schönen neuen Bundesländer hervor. (Quelle: Tageszeitung... ich kann mich nur wiederholen)


papa0861 hat geschrieben:sicherlich darf man auch nicht verschweigen, daß verschiedene verbrechen begangen wurden (meine jetzt z.b. die mauerschützen).


So wie du hier schreibst, beginne ich zu überlegen, ob diese Mauerschützen uns im Westen nicht mehr gedient haben als dem Regime der DDR...

papa0861 hat geschrieben:ich kann auch nicht sagen daß es mir heute schlechter oder besser geht, als früher. das liegt aber daran, daß ich nen krisensicheren job habe.


Als Beamter!!! Macht es dir Spass, den Staat, der dir diesen krisensicheren Job mit einer zwar nicht übermäßigen aber sicheren Bezahlung überhaupt erst möglich gemacht hat, herabzuwürdigen? Kannst du dich noch an den Wortlaut deines Diensteides erinnern?



papa0861 hat geschrieben:und trotzdem hänge ich an der alten zeit. sie war trotz aller mängel schön.


Gut, in dem Punkt sind wir uns einig! Ich bestell schon mal Steine und Zement, okay?
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Beitrag #9 von papa0861 » 13 Okt 2006 14:56


und ich dachte immer, daß ich ein betonkopf bin.

aber es soll ja auch auf der anderen seite immer ewig gestrige geben.

schon aus diesem grund erübrigt sich jegliche weitere diskussion.
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Beitrag #10 von Chris00 » 13 Okt 2006 14:57


papa0861 hat geschrieben:schon aus diesem grund erübrigt sich jegliche weitere diskussion.


Es ist immer schön zu sehen, wenn Leute den Ansichten von anderen aufgeschlossen gegenüber stehen.
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