Was denkt eine Mutter...?

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Was denkt eine Mutter...?

Beitrag #1 von ccat » 17 Dez 2009 23:29


Hallo an alle!

Ich weiß nicht genau, ob mein Beitrag hier rein gehört, aber ich wusste nicht, wo sonst hin, sorry.
Es ist bald Weihnachten und das ist immer mit die schlimmste Zeit des Jahres. Mir wird dann immer klar, was alles ist, wie es nicht sein sollte.
Ich möchte heute was über meine Mutter schreiben und vielleicht sind ja auch Frauen hier, die Mütter sind und mir vielleicht sagen können, wieso das alles so ist, zumindest stückweise.

Wo ich anfangen soll, weiß ich nicht so richtig.
Ich hab nicht mal ein direkt schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter, eher gar keins.
Mit etwa 17 hat man Mutter gesagt, sie könnte keine Kinder kriegen. Mit 22 war sie schon im 5. Monat mit mir, der Arzt wollte es ihr erst nicht glauben, bis er es überprüft hatte.
Meine Oma hat mir erzählt, dass sie ganz panisch war, dass das irgendwie gar nicht in ihre Pläne passte. Sollte man nicht froh sein, wenn man eigentlich keine Kinder kriegen kann und dann ist es doch plötzlich so?
1982 im Juni bin ich geboren. Ich war oft krank. Im März 1983 wurde dann ein Herzfehler festgestellt, im Juli des Jahres operiert. Es war wohl so, dass man vor der OP fürchten musste, ich hätte nachts einfach so sterben können. Das war bestimmt schwer. Es tut mir noch heute leid so viel Kummer gebracht zu haben, obwohl ich nichts dafür konnte. Vielleicht wäre sie unbeschwerter gewesen, ohne meine Krankheit?
1984 war sie nochmal schwanger, trotz Spirale. Man, also die Medizin, war damals der Ansicht eine Abtreibung wäre nötig, weil das Kind sonst behindert wäre. Keine Anung ob das nur so war, um die eigentlich versprochene Wirkung der Spirale quasi doch noch zu gewährleisten, oder ob man das wirklich meinte. Heute jedenfalls, ich hab mich bei einem Gyn erkundigt, sagt man die Spirale macht gar nichts, wenn der Embryo sich eingenistet hat.
Irgendwie hatte ich immer das Gefühl etwas fehlt. Ich habe von diesem Abbruch erst mit 19 erfahren. Aber da war es ein Schlag für mich. Ich fragte mich immer zu ob sie manchmal an ihn, man hatte ihr schon sagen können, dass es ein Junge war, denkt oder ob man mich auch nie wieder erwähnt hätte, wäre ich gestorben.
Wenn ich als Kind gefragt wurde, ob ich gern noch Geschwister hätte, sagte ich immer nein. Meine Psychologin meinte ich hätte so reagiert weil ich unterschwellig wusste, dass meine Mutter es nicht ertragen hätte, wenn ich mir ein Geschwister gewünscht hätte.
Ich war ein ruhiges Kind, köperlich nicht sehr agil, nur reden konnte ich immer und recht früh gut. Von heute aus betrachtet konnte sich meine Mutter wohl nicht beschweren. Ich war ein bequemes Kind. Trotzdem fiel ich ihr irgendwie immer zu Last.
Mein Vater beschäftigte sich mit mir, spielte mit mir. Meine Mutter lag auf dem Sofa mit Kopfschmerzen. Heute denke ich, sie hatte Depressionen, hat auch zu schlafen Tabletten genommen und sowas, aber nur so Eigendiagnose, sie hätte sich gegen Depri wohl nie behandeln lassen, obwohl man das in der Zeit auch schneller abtat als heute.
1989 lernte sie einen neuen Mann kennen, sie verliebten sich Hals über Kopf, Scheidung, Heirat, alles innerhalb eines halben Jahres. Ich "verlor" meine Bezugsperson, meinen Vater, obwohl er sich natürlich weiter kümmerte, nur eben nicht mehr im selben Haushalt.
Meine Mutter und ihr Mann arbeitenen dann bald auswärts, waren jeden Tag den ganzen Tag daher unterwegs. Ich war bei meiner Oma und ich fand es super da. Meine Großeltern beschäftigten sich den ganzen Tag nach der Schule mit mir und abends, zum Schlafen, ging ich zu meiner Mutter.
Nun war sie von Anfang an mit ihrem Mann wie eine dichte Einheit, kein Platz für jemand dazwischen, auch nicht für mich. Ich sah sie glücklich und das war gut so.
Nach so ungefähr drei Jahren, die ich immer viel bei der Oma war, zogen wir dann um, in die Nähe der Arbeit. Für mich hieß das Entwurzelung. Ich lebte quasi auf einer Insel. Meine Mutter hatte zu ihrer Heimatstadt und den Verwandten, die ihre schnelle Trennung und Wiederheirat nicht gerade toll fanden kein so gutes Verhältnis. Sie war froh weg zu sein. Aber ich wäre gern dort gewesen. Meine Mutter wollte aber den Einfluss der Heimat schmälern. Es führte kein Weg dahin öfter hinzufahren.
Ich habe wohl für mich selbst noch nie gekämpft, so auch damals nicht. Ich war bequem, wie immer, ertrug alles, weinte heimlich, spielte fröhlich tagsüber. Meine Mutter merkte es nicht, oder wollte es nicht merken?
Mit 14 Jahren hatte ich relativ plötzlich Skoliose. Das wurde am 01.08.1996 operiert. Das war das Ende meines Lebens, denn danach war ich querschnittsgelähmt. Die Lähmung der Beine ging nach wenigen Wochen weg. Die Inko blieb.
Nach 10 Wochen Krankenhaus wurde ich entlassen, mehr ein Wrack als geheilt.
Nachdem ich drei oder vier Wochen zuhause war, brauchte meine Mutter Erholung. Sie fuhr mit ihrem Mann in den Urlaub, eine Oma, aber nicht die, bei der ich die Jahre vorher immer war, wurde geholt um auf mich aufzupassen.
Nach den Oktoberferien ging ich wieder zur Schule. Die Hölle, zumindest die Pausen. Unterricht fand ich immer gut, aber in den Pausen, die Hänseleien, weil ich ein Korsett tragen musste.
Geredet wurde nie darüber. Ich belastete meine Mutter nicht mit meine Problemen. Irgendwie kam ich klar. In der Schule war ich trotz Fehlzeiten und Hänseleien gut.
2002 hab ich Abi gemacht, danach Ausbildung in Leipzig.
In einer solchen Stadt (vorher wohnte ich immer in Kleinstädten) konnte man viel machen. Mehr und mehr wurde mir klar, dass ich das nicht kann mit der Inko. Ich war glaube ich die einzige, die sich nach der Berufsschule und Arbeit nicht freute heim zu gehen. Ich war "gefangen" in meiner Wohung.
Ich habe meiner Mutter und ihrem Mann mal einen Gutschein für die Leipziger Oper geschenkt. Sie sind nie hingefahren. Ich habe gehofft, sie könnten mich mal besuchen bei der Gelegenheit.
Nach der Ausbildung habe ich Studiert, in Dresden, drei Jahre lang, bevor ich abgebrochen habe.
Etwa nach dem ersten Jahr habe ich meiner Mutter und Mann einen Gutschein für eine Dampferfahrt auf der Elbe geschenkt in der Hoffnung auf einen Besuch. Bis heute haben sie das nie gemacht.
Ich schreibe schon seit vielen Jahren Kurzgeschichten und andere Texte. Ich habe ihnen mal eine gebunden Sammlung davon geschenkt. Bis heute weiß ich nicht, ob es gelesen wurde und wie sie es fanden.

Ich bin immer zu Festen, Weihnachten, Geburtstag zu ihnen hin gefahren. Es waren immer lustige Feiern. Über wichtige Dinge wurde nie geredet.

Seit Juli 2008 bin ich Beamtenanwärterin in Rheinland-Pfalz. Hier werden sie mich wohl nie besuchen.

Ich frage mich so oft, was ich falsch gemacht habe. Wieso nur bin ich anscheinend so ein schlechtes Kind? Wieso will meine Mutter keinen Anteil an meinem Leben haben? Interessiert es sie nicht, wie ich lebe, für was ich mich interessiere?

Für meine Ausbildung damals habe ich Bafög bekommen. Das mit den Anträgen hat alles meine Mutter für mich erledigt. Sie hat nur manche Sachen nicht angegeben. Es gab ein Verfahren vor Gericht, diese Jahr im Sommer. Ich hatte ja unterschrieben, aber meine Mutter hatte die Formulare ausgefüllt. Wegen Betruges wollte man mich verurteilen. Am Ende gab es dann einen Vergleich, mein Glück. Der Punkt ist, bei einer Verurteilung hätte ich eine Vorstrafe gehabt, das hieße Beamtenkarriere adé und als Schwerbehinderte erst recht, wohl nie wieder nen Job.
Meine Mutter, sowieso seit Jahren arbeitslos, hätte nur sagen müssen, dass sie alles ausgefüllt hat und ich quasi blanco unterschrieben. Dann wäre ich frei gewesen. Sie hätte man zum Ersten vielleicht gar nicht angeklagt, selbst wenn, hätte sie deutlich weniger Strafe bekommen, weil manche Zeiten schon verjährt waren, damit keine Vorstrafe für sie. Selbst wenn es Vorstrafe für sie bedeutet hätte, kaum Folgen, da sowieso arbeitslos und keine Aussicht auf Job. Sie ist vor Gericht nicht mal erschienen, hab nur nen Anwalt ein Schreiben schicken lassen, dass sie die Aussage verweigert. Das hab ich dort von der Richterin erfahren. Schon ein paar Monate vor der Verhandlung haber wir nichtmehr geredet und seitdem auch nicht mehr.
Zum Geburtstag meiner Oma sah ich meine Mutter, wir gaben uns die Hand, sahen uns aber nicht in die Augen und sprachen kein Wort, saßen auch auseinander.

Ich meine, es tut mir ehrlich leid, ihr in ihrem Leben so viel Kummer gemacht zu haben, erst der Herzfehler, dann die Wirbelsäulenerkrankung und dann die Gerichtsverhandlung. Ich habe doch immer versucht, das alles selbst zu tragen und von ihr fern zu halten. Ich habe ihr nie etwas vorgeworfen. Nicht dass sie eine siamesische Zwillingseinheit mit ihrem Mann war ohne Platz für mich, nicht dass ich Monate gebraucht habe, um sie zu überreden wegen dem Rücken mit mir zum Arzt zu gehen, nicht mal, dass sie mich vor Gericht allein hat stehen lassen. Anscheinend versteht sich das nicht. Sie denkt wohl ich werfe ich etwas vor.

Inzwischen habe ich beschlossen, dass es für uns beide besser ist uns nicht mehr zu sehen, keinen Kontakt mehr zu haben. Es macht sie immer nur traurig und stresst sie, wenn ich da bin. In ein paar Jahren, wenn ich vielleicht hoffentlich mal Kinder habe, werde ich ein letztes Mal vorbei schauen und sehen, ob es vielleicht dann anders ist, wenn sie Oma sein kann. Vielleicht versteht sie dann manches mehr.
Das paradoxe daran ist, dass ich genau weiß, wie sie sich damals gefühlt haben muss, mit Depressionen. Ich kenne das Gefühl, nur noch schlafen zu wollen, damit das Leben unmerklich rum geht, die Tage an denen man kaum in der Lage ist aus dem Bett aufzustehen. Und manchmal, wenn ich morgens in den Spiegel sehe, erkenne ich sie darin.
Ich wünschte nur ich könnte sie irgendwie erreichen.
Wieso bin ich nur zur sehr das was sie an die alte Heimat erinnert, die sie so gern vergessen möchte?
Habe ich mich denn entscheiden müssen zwischen dem Rest der Familie und ihr? So scheint es mir.

Mein Leben lang habe ich versucht bequem zu sein, habe so gut ich konnte alles Last von ihr genommen und sie selbst getragen und noch heute würde ich jede Last für sie Tragen. Wenn ich wüsste es das Beste für sie, ich wäre gern ihr "Feindfigur", damit sie jemanden hat, auf den sie wütend sein kann. Wenn sie dadurch glücklich wäre, nicht mehr ständig an alte Zeiten erinnert wird, würde ich auch für immer aus ihrem Leben verschwinden und niewieder FRagen stellen. Ich habe schon überlegt, ob ich jemanden, der sie kennt, immer mal fragen sollte, ob es ihr gut geht. Ich meine, wenn sie oder mein Stiefvater mal ernsthaft krank sein sollten, dann werde ich es nicht erfahren. Das möchte ich verhindern.

Ich habe ein paar Versuche gestartet sie Anteil an meinem Leben nehmen zu lassen, aber das will oder kann sie wohl nicht. Jetzt ist es Zeit nichts mehr zu tun.

Jetzt, wo es im Fernsehen viele Sendungen gibt, auch über Psychotherapie oder Kindererziehung, frage ich mich manchmal, ob sie sowas manchmal sieht und sich dann fragt, ob ich nicht manchmal Berechtigung dazu hatte mich allein zu fühlen. Ich würde mir wünschen, dass sie nur einmal einräumt, dass meine Gefühle ihre Berechtigung haben und ich nicht nur ein undankbares Kind bin.
Sie weiß, wo sie mich findet. Und doch weiß ich genau, dass sie an meine Tür nie klopfen wird.
Ich möchte endlich mit meinem Problem ernst genommen werden und nicht mehr von Ärzten hin und her geschickt und mit Tabletten abgespeist werden.
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